{"id":8724,"date":"2023-04-27T12:10:00","date_gmt":"2023-04-27T10:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=8724"},"modified":"2023-04-27T11:38:52","modified_gmt":"2023-04-27T09:38:52","slug":"bastarda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2023\/04\/27\/bastarda\/","title":{"rendered":"&#8222;The hardest thing to govern is the heart&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>von Florian Maier<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>&#8222;I\u2019m a Bastard!&#8220; \u2013 &#8222;You are the Queen.&#8220; Zwei S\u00e4tze, und die ganze unausl\u00f6schliche, tragische Dualit\u00e4t im Leben der englischen Tudor-K\u00f6nigin Elizabeth I (1533-1603) ist skizziert. <\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Vil bastarda!&#8220; Zwei Worte, und Donizettis Maria \u00adStuarda hat ihr Leben binnen Sekunden endg\u00fcltig verwirkt. Ein K\u00f6niginnenduell, das zensiert wird, dann doch Musikgeschichte schreibt \u2013 und jetzt f\u00fcr den Titel eines zweiteiligen Belcanto-Spektakels am Br\u00fcsseler Opernhaus La Monnaie\/De Munt Pate steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein ungew\u00f6hnliches Experiment, das Intendant \u00adPeter de Caluwe da auf den Spielplan seines Hauses gesetzt hat. Vier Tudor-Opern hat Gaetano \u00adDonizetti seinerzeit komponiert: &#8222;Anna Bolena&#8220; (1830), &#8222;Maria \u00adStuarda&#8220; (1834\/35), &#8222;Roberto Devereux&#8220; (1837) und das selten gespielte &#8222;Elisabetta al castello di Kenilworth&#8220; (1829). Alle handeln sie von der englischen &#8222;Virgin Queen&#8220; oder deren Wurzeln, alle stehen sie f\u00fcr sich. So etwas wie einen Zyklus hatte der oft als &#8222;Flie\u00dfband-Komponist&#8220; abgetane Donizetti nie im Sinn. Und doch l\u00e4sst sich der Reiz des in Br\u00fcssel realisierten Gedankens nicht von der Hand weisen: Vier Tudor-Opern, eine \u00adK\u00f6nigin \u2013 warum nicht ein Psychogramm der englischen Herrscherin daraus destillieren?<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p style=\"font-size:24px\"><strong>&#8222;An existential tale in two evenings&#8220;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und was f\u00fcr eines! In Olivier Fredj (k\u00fcnstlerisches Konzept, Skript, Regie) und Francesco Lanzillotta (Dirigat, musikalische Arrangements) hat de Caluwe genau die richtigen kreativen K\u00f6pfe f\u00fcr &#8222;Bastarda&#8220; gefunden. &#8222;Pasticcio&#8220; w\u00e4re ein grundlegend falscher Begriff f\u00fcr das, was die beiden \u00fcber zwei Abende und knapp f\u00fcnfeinhalb Stunden reine Spielzeit im Br\u00fcsseler Opernhaus entfalten. Da werden Nummern aus den vier Ursprungswerken nicht nur nach dem Bastelprinzip zu einer Collage kombiniert \u2013 da entsteht ein Gesamtkunstwerk, dessen Einzelteile sich gar nicht mehr wie Einzelteile anf\u00fchlen, so, als sollte es immer schon so sein. Arien, Duette, Ensembles, Ch\u00f6re gehen ineinander \u00fcber, die eine Oper spiegelt sich in der anderen, Solisten singen Ausschnitte, die nie f\u00fcr ihre Partien gedacht waren. Neu geschaffene musikalische Br\u00fccken gliedern sich nahtlos ein, dezente zeitgen\u00f6ssische Zwischent\u00f6ne spitzen emotional zu, die &#8222;heilige Trennung&#8220; zwischen Musik und gesprochenem Wort spielt kaum eine Rolle, denn dramatische Stringenz geht vor Belcanto-Kult. Bei alledem ist Donizetti der Anker des Projekts, aber nicht der alleinige Navigator: Regisseur und Autor Fredj bettet die italienische Oper des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts in ein englisches &#8222;Drehbuch&#8220; auf der H\u00f6he der Zeit: elisabethanisch, zeitlos, modern.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;An existential tale in two evenings&#8220; nennt sich das Ergebnis, &#8222;The Rise and Fall of Elizabeth I&#8220;. Ein musika\u00adlisches Biopic, chronologisch erz\u00e4hlt von der Wiege bis zur Bahre und ganz nah dran am Menschen hinter der Krone. Britische Period Dramas von &#8222;Downton \u00adAbbey&#8220; bis &#8222;The Crown&#8220; haben in der TV- und Streaming-Landschaft immer Hochkonjunktur \u2013 warum sollte es im Theater anders sein? Und so bietet auch &#8222;Bastarda&#8220; Eska\u00adpismus erster G\u00fcte: weit genug entfernt vom pers\u00f6nlichen Erfahrungshorizont, um mit Glanz und Elend der High Society ein paar Stunden dem Alltag entfliehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Elizabeth I mit ihrer so ureigenen Biografie bietet daf\u00fcr mehr als genug Kreativfutter: Ihr triebgesteuerter Vater Henry VIII provoziert 1534 eine Abspaltung von der r\u00f6misch-katholischen Kirche, um trotz bestehender Ehe eine offizielle Verbindung mit ihrer Mutter Anne Boleyn eingehen zu k\u00f6nnen, \u00fcberl\u00e4sst diese dann aber doch mehr als bereitwillig dem Schafott, als Elizabeth noch nicht einmal drei Jahre alt ist (Akt zwei von sechs seiner Ehedramen, die mit dem Merkspruch &#8222;\u00adDivorced, \u00adBeheaded, Died, Divorced, Beheaded, Survived&#8220; der Nachwelt noch heute pr\u00e4sent sind). Knapp zehn Jahre sp\u00e4ter stirbt der Vater, ihr Halbbruder \u00adEdward VI als dessen einziger legitimer Sohn lebt nicht viel l\u00e4nger, Halbschwester Mary I (&#8222;Bloody Mary&#8220;) ebenso wenig. Pl\u00f6tzlich steht ein illegitimer &#8222;Bastard&#8220; ganz oben in der Thronfolge und begr\u00fcndet eine neue \u00c4ra, das &#8222;\u00adElisabethanische Zeit\u00adalter&#8220;. &#8222;Gloriana&#8220; bewahrt \u00adEngland in fast 45 Regierungsjahren vor den Glaubenskriegen der Epoche, begr\u00fcndet den Aufstieg ihres Reichs zur Weltmacht und neuer k\u00fcnstlerischer Bl\u00fcte, taktiert mit ihren weiblichen Reizen zur Sicherung des Friedens und bleibt letztendlich unverheiratet, um ihre Macht nicht mit einem Mann teilen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"588\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_84-kl_Copyright_BerndUhlig-1024x588.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8727\" srcset=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_84-kl_Copyright_BerndUhlig-1024x588.jpg 1024w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_84-kl_Copyright_BerndUhlig-300x172.jpg 300w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_84-kl_Copyright_BerndUhlig-768x441.jpg 768w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_84-kl_Copyright_BerndUhlig-500x287.jpg 500w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_84-kl_Copyright_BerndUhlig-800x459.jpg 800w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_84-kl_Copyright_BerndUhlig-870x500.jpg 870w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_84-kl_Copyright_BerndUhlig-600x345.jpg 600w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_84-kl_Copyright_BerndUhlig.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Schlammschlacht in Adelskreisen: das K\u00f6niginnenduell \u00adzwischen Maria Stuarda (Lenneke Ruiten) und der englischen Queen \u00ad(Francesca Sassu) (im Hintergrund Nehir Hasret als inneres Kind) (Foto Bernd Uhlig)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p style=\"font-size:24px\"><strong>Prachtvoll, spritzig, intim<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>All das verpackt Olivier Fredj in Br\u00fcssel in zwei intime und doch bildm\u00e4chtige, seelisch \u00fcberragende \u00adAbende: &#8222;For better, for worse \u2026&#8220; erz\u00e4hlt von Herkunft und Aufstieg der jungen K\u00f6nigin bis zur finalen Konfrontation mit ihrer Cousine und Rivalin Mary Stuart, &#8222;\u2026 till \u00addeath do us part&#8220; von zunehmender Verbitterung und innerer Abkapslung in den sp\u00e4teren Lebensjahren. Regentschaft fordert ihren Tribut, und dieser besteht in \u00adElizabeths Fall in Einsamkeit. Spannend, wie Fredj und sein Regieteam das im Galopp durch die Jahre und Jahrzehnte illustrieren. Unstillbare Sehnsucht nach ihren &#8222;Favoriten&#8220; begehrt gegen das selbstauferlegte Dogma der &#8222;Virgin Queen&#8220; auf und verk\u00fcmmert daran letztlich j\u00e4mmerlich, schneidender Ingrimm und K\u00e4lte brechen sich zunehmend Bahn, Paranoia h\u00e4lt Einzug in Musik, Mimik und Gestik, selbst die Kost\u00fcmgestaltung. Handgemachte, pure Theaterkunst ist das, immer den roten Faden und die Formel &#8222;Psychologische Tiefensch\u00e4rfe vor effektvollem Belcanto&#8220; im Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>Das bedeutet nicht, dass Donizetti damit nicht zu seinem Recht k\u00e4me. Aber seine Musik ordnet sich ein in ein gleichberechtigtes Kollektiv der K\u00fcnste, die sich gegenseitig in die Hand spielen und einen in dieser Qualit\u00e4t selten zu erlebenden runden Gesamteindruck hinterlassen. Da ist etwa das von Avshalom Pollak choreografierte spritzige Ballett, in dem die T\u00e4nzer wie \u00fcberdrehte Duracell-\u00adH\u00e4schen als v\u00f6llig \u00fcberzeichnete Volksmenge durch die Szenen ruckeln und zuckeln, dass es eine wahre Freude ist \u2013 verkrustete Aristokratie einmal anders. Da sind Sarah Derendingers Video-Seelenmalereien, welche die Epoche bewusst brechen und den sch\u00f6nen Schein der k\u00f6niglichen Fassade sezieren (eindrucksvoll etwa Elizabeths kalt-poetischer &#8222;Totentanz&#8220;). Da sind Urs Sch\u00f6nebaums funktional-schlichte, die gesamte B\u00fchnenh\u00f6he f\u00fcllende schwarze S\u00e4ulen und Petra \u00adReinhardts prachtvoller, historisch akkurater Kost\u00fcmpomp, dessen Liebe zum Detail man nur bewundern kann. Und nat\u00fcrlich die Inszenierung von Olivier Fredj, der \u00adElizabeths Lebensuhr unweigerlich Jahr um Jahr ticken l\u00e4sst. Er bespielt nicht nur lustvoll B\u00fchne und K\u00f6nigslogen, er durchbricht auch die vierte Wand und schl\u00e4gt eine w\u00fcrdevoll-ergreifende Br\u00fccke, wenn die Zuschauer kurz nach Beginn des ersten Abends im Stehen der Kr\u00f6nungszeremonie der jungen Elizabeth beiwohnen und ganz am Ende von Teil zwei in derselben Haltung die sterbende K\u00f6nigin dem Tode \u00fcberantworten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;For better, for worse \u2026&#8220; wirkt vielleicht stellenweise etwas rastlos und erfordert mehr Durchhalteverm\u00f6gen, besticht aber durch eine erz\u00e4hlerische Simultantechnik, welche Elizabeths Schicksal mit dem ihrer Mutter Anne Boleyn \u00fcbereinanderlegt. Die Momente in &#8222;\u2026 till death do us part&#8220; k\u00f6nnen sich daf\u00fcr besser entfalten, finden zu einer eigenen inneren Ruhe und auch augenf\u00e4lligeren Optik. F\u00fcr beide Teile von &#8222;Bastarda&#8220; gilt: In keinem Moment spielt sich hier fades Steh-Kost\u00fcmtheater ab.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p style=\"font-size:24px\"><strong>God Save the Queen!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist zu einem ganz gro\u00dfen Teil auch einer erst 12-J\u00e4hrigen (!) zu verdanken: Nehir Hasret in der Rolle des inneren, ewigen Kinds. Mit einer unwahrschein\u00adlichen Grandezza behauptet sie die B\u00fchne f\u00fcr sich, wie selbstverst\u00e4ndlich zeigt sie mehr schauspielerische Facetten als 90 Prozent der heutigen Solisten-Landschaft. Eine getriebene, rastlose, einsame Elizabeth ist das, voller unerf\u00fcllbarer Tr\u00e4ume, verzweifeltem Unverst\u00e4ndnis, aggressiver Selbstbehauptung. Immer, wenn das sehr hohe Erregungslevel szenisch in die Monotonie zu kippen droht, wei\u00df Hasret mit neuen emotionalen Farben zu \u00fcberraschen, ergibt sich dem Wahnsinn, der kleinkindlichen Isolation, der naiven Lebensfreude.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"596\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_107-kl_Copyright_BerndUhlig-1024x596.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8728\" srcset=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_107-kl_Copyright_BerndUhlig-1024x596.jpg 1024w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_107-kl_Copyright_BerndUhlig-300x175.jpg 300w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_107-kl_Copyright_BerndUhlig-768x447.jpg 768w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_107-kl_Copyright_BerndUhlig-500x291.jpg 500w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_107-kl_Copyright_BerndUhlig-800x465.jpg 800w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_107-kl_Copyright_BerndUhlig-870x506.jpg 870w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_107-kl_Copyright_BerndUhlig-600x349.jpg 600w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_107-kl_Copyright_BerndUhlig.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Im Sterben br\u00f6ckelt die Fassade: Elizabeth (Francesca Sassu) sucht Halt bei den omnipr\u00e4senten Schatten ihrer Eltern (Salome Jicia und Luca Tittoto) (Foto Bernd Uhlig)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Diesem personifizierten Innenleben steht eine \u00e4u\u00dfere, erwachsene Elizabeth gegen\u00fcber. Aufgrund einer Erkrankung von Myrt\u00f2 Papatanasiu \u00fcbernimmt die alternierend eingeplante Francesca Sassu kurzfristig die beiden Premierenabende. Ihr Sopran braucht etwas Anlauf, schwingt sich mit zunehmender Dramatik aber zu einem kraftvoll-zarten Portr\u00e4t der staatstragenden Repr\u00e4sentationsfigur auf. Ber\u00fchrend-intim die Final\u00adszene von &#8222;Bastarda II&#8220;, in der &#8222;Roberto Devereux&#8220;, &#8222;Anna Bolena&#8220; und &#8222;Maria Stuarda&#8220; kulminieren und ein fast utopisches Bild von Erl\u00f6sung in Aussicht stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Folgerichtig in der zweiten Reihe steht das \u00fcbrige Ensemble, dessen Partien so zugeschnitten wurden, dass sie Elizabeths Charakterstudie perfekt in die H\u00e4nde spielen. Salome Jicia erh\u00e4lt mit Anna Bolenas &#8222;Al dolce \u00adguidami&#8220; das Leitmotiv der Produktion: das Wiegenlied einer Mutter, die ihr Kind mit nicht einmal drei Jahren f\u00fcr immer verlassen muss \u2013 eine Wunde, die niemals verheilt. Jicia verleiht dieser geisterhaften Wiederg\u00e4ngerin emotionales Gewicht, Luca Tittoto als \u00adblasiertes Scheusal Enrico (Henry VIII) f\u00fchrt die K\u00f6nigsw\u00fcrde im krassen Gegenentwurf ad absurdum. \u00dcber dem von Giulio Magnanini fabelhaft einstudierten Chor des Hauses schwebt mit \u00e4therischem Schwermut die hochm\u00fctig strahlende \u00adMaria Stuarda von Lenneke Ruiten. \u00adBelcanto in Reinkultur liefert Enea \u00adScalas Leicester: ein Proto\u00adtyp des schmachtend Leidenden, den auch Sergey \u00adRomanovskys Roberto Devereux in der &#8222;Favoriten&#8220;-\u00adErbfolge mit dunkel grundiertem Tenor aufzugreifen wei\u00df. Raffaella \u00adLupinacci (\u00adGiovanna \u00adSeymour und Sara) und Valentina \u00adMastrangelo (Amy \u00adRobsart) geraten lyrisch innig in die politischen Tretm\u00fchlen. Und die Partien von \u00adSmeton (David \u00adHansen), \u00adCecil (Gavan Ring) und \u00adNottingham (\u00adBruno Taddia) f\u00fchren als &#8222;Philosophy\/Emotion&#8220;, &#8222;History\/Reason&#8220; und &#8222;Theatre\/\u00adLove&#8220; in stilechtem Britisch als Erz\u00e4hler durch die Geschichte, wenn Hansen seine Mezzoarie auch leider allzu schrill abfeuert.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt das Orchestre symphonique de la Monnaie, das unter Leitung von Francesco Lanzillotta eine majest\u00e4tische Leistung erbringt: differenziert, ausbalanciert, mal pomp\u00f6s, dann wieder mit psychologischer Trennsch\u00e4rfe \u2013 und immer Donizettis feine Instrumentationskunst im Blick. Ein raumf\u00fcllender Klang, der diesen H\u00f6hepunkt der laufenden Spielzeit auch in musikalischer Hinsicht abrundet. Denn dass wundervoller Belcanto im kreativen Steinbruch durchaus das Zeug hat zu ganz gro\u00dfem Musiktheater, wird mit dieser \u00adDoppelpremiere in \u00adBr\u00fcssel mehr als deutlich. Es ist zu hoffen, dass &#8222;\u00adBastarda&#8220; weiterlizensiert wird und nicht im Archiv verstaubt. Alles andere w\u00e4re eine Schande.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>&#8222;Bastarda&#8220; ist ab dem 28. Mai 2023 europaweit ein Jahr lang auf <a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/RC-023844\/gaetano-donizetti-bastarda\/\" target=\"_blank\" aria-label=\"arte.tv\/opera (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">arte.tv\/opera<\/a> abrufbar.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile has-luminous-vivid-orange-background-color has-background\" style=\"grid-template-columns:auto 30%\"><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-medium-font-size\"><strong>EMPFEHLUNG<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color\">Thomas Kielinger:<br>&#8222;Die K\u00f6nigin \u2013 Elisabeth I. und der Kampf um England&#8220;<br>375 Seiten, C.H.Beck<\/p>\n<\/div><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" width=\"510\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Cover_Koenigin-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8732 size-full\" srcset=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Cover_Koenigin-1.jpg 510w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Cover_Koenigin-1-191x300.jpg 191w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Cover_Koenigin-1-500x784.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 510px) 100vw, 510px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:80px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile has-media-on-the-top has-background\" style=\"background-color:#f6f6f6\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color\" style=\"font-size:22px\"><strong><strong><strong><strong>Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus unserer Ausgabe Mai\/Juni 2023<\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/product\/print-ausgabe-03-2023\/\" target=\"_blank\" aria-label=\" (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">Print-Ausgabe bestellen<\/a><\/strong> | <strong><a href=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/product\/pdf-ausgabe-03-2023\/\" target=\"_blank\" aria-label=\" (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">PDF-Ausgabe bestellen<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Br\u00fcsseler Opernereignis \u201eBastarda\u201c gr\u00e4bt tief in der Psyche der Tudor-K\u00f6nigin \u00adElizabeth I \u2013 und bietet feinsten Belcanto f\u00fcr Herz und Hirn<\/p>","protected":false},"author":14,"featured_media":8729,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[86,1679],"tags":[],"class_list":["post-8724","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-beitraege","category-beitraege-2023-03"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_99-kl_Copyright_BerndUhlig.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_99-kl_Copyright_BerndUhlig.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_99-kl_Copyright_BerndUhlig-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_99-kl_Copyright_BerndUhlig-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_99-kl_Copyright_BerndUhlig-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bastarda-II_99-kl_Copyright_BerndUhlig-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"27. April 2023","get_modified_date":"27. April 2023","category_list":{"category":[{"term_id":86,"name":"Beitr\u00e4ge","slug":"beitraege","term_group":0,"term_taxonomy_id":86,"taxonomy":"category","description":"","parent":0,"count":75,"filter":"raw","order":"0"},{"term_id":1679,"name":"Beitr\u00e4ge 2023\/03","slug":"beitraege-2023-03","term_group":0,"term_taxonomy_id":1679,"taxonomy":"category","description":"","parent":86,"count":2,"filter":"raw","order":"0"}],"post_tag":false},"author_name":"Silvia Murauer","author_url":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/author\/mailsilviamurauer-de\/","author_email":"mail@silviamurauer.de","author_website":"","author_description":"","author_facebook":"","author_twitter":"","author_instagram":"","author_role":["administrator"],"author_firstname":"Silvia","author_lastname":"Murauer","user_login":"mail@silviamurauer.de","author_avatar":"<img alt='' src='https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/f621fd74b09e85b40b2840fd83e82293b9a74c7122761b5607082e36ece1f9d0?s=200&#038;d=mm&#038;r=g' srcset='https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/f621fd74b09e85b40b2840fd83e82293b9a74c7122761b5607082e36ece1f9d0?s=400&#038;d=mm&#038;r=g 2x' class='avatar avatar-200 photo' height='200' width='200' decoding='async'\/>","author_avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/f621fd74b09e85b40b2840fd83e82293b9a74c7122761b5607082e36ece1f9d0?s=96&d=mm&r=g","comment_count":0,"post_likes":0,"post_views":0},"tpgb_post_category":{"category":"<a href=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/category\/beitraege\/\" alt=\"Beitr\u00e4ge\"  class=\"category-beitraege\">Beitr\u00e4ge<\/a> <a href=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/category\/beitraege\/beitraege-2023-03\/\" alt=\"Beitr\u00e4ge 2023\/03\"  class=\"category-beitraege-2023-03\">Beitr\u00e4ge 2023\/03<\/a> "},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8724","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8724"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8724\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8729"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8724"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8724"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8724"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}