{"id":8896,"date":"2023-04-19T16:03:00","date_gmt":"2023-04-19T14:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=8896"},"modified":"2023-06-16T08:36:38","modified_gmt":"2023-06-16T06:36:38","slug":"bielefeld-anthropocene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2023\/04\/19\/bielefeld-anthropocene\/","title":{"rendered":"Thriller im ewigen Eis"},"content":{"rendered":"<p>Das Schiff Anthropocene ist mit seinem Eigner Harry King auf Expedition in der Arktis. Leiterin ist Prof. Prentice, ihr Ehemann Charles ist daran beteiligt. Kapit\u00e4n Ross und sein Adlatus Vasco sind die Befehlsempf\u00e4nger in dieser ungleichen Konstellation. Von Ross erf\u00e4hrt man, dass er sein letztes Schiff verloren hat. Er, Arktis-erfahren, betrachtet diese Fahrt als seine Rehabilitation. Zur Gruppe geh\u00f6ren noch ein Journalist namens Miles Black, der von Kings Ruhmestat berichten soll, sowie Kings Tochter Daisy, eine Fotografin. Der Auftrag: nach Beweisen f\u00fcr den Klimawandel zu suchen. Die Szene zeigt auf der linken B\u00fchnenh\u00e4lfte den Blick auf das schr\u00e4ge Vordeck des Schiffes. Die rechte B\u00fchnenseite wird beherrscht von einem Eisberg, an dessen Vorfeld das Schiff angelegt hat (Ausstattung: Anna Sch\u00f6ttl).<\/p>\n\n\n\n<p>So viel zur Ausgangsposition von Stuart MacRaes Oper \u201eAnthropocene\u201c, in der das Scheitern bereits angelegt ist. Das beginnt mit der Selbstdarstellung Harry Kings als scheinbar unwiderstehlichem Finanzmagnat. Der freilich, wie er selber zugibt, von Papas Geld lebt. Musik wie Inszenierung kennen bei ihm nur himmelhochjauchzende oder zu Tode betr\u00fcbte Gem\u00fctshaltungen. Es setzt sich fort in der arroganten Haltung beider Wissenschaftler, deren Eitelkeit und Empathielosigkeit wissenschaftliche Neugier \u00fcberstrahlt. Miles Black scheitert an seiner Hybris als Sensationsjournalist. Der Kapit\u00e4n scheitert, weil er sich trotz richtiger Einsicht in die kommende Katastrophe nicht durchsetzen kann. Vascos Untergang resultiert aus seiner Unf\u00e4higkeit, sich gegen seinen M\u00f6rder Miles Black zu verteidigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann ist da noch Ice. An ihr scheitern alle und deswegen die Expedition. Charles Prentice findet sie auf einem der Suchg\u00e4nge. Er bringt einen gro\u00dfen Eisblock mit Inhalt zum Schiff, dem Ice entgleitet, eingefroren vor Urzeiten als Liebesopfer eines unbekannten Stammes, der sich so vor der drohenden Eiszeit rettet. Ihre Lebenszeichen nach dem Auftauen sind f\u00fcr alle die Sensation schlechthin. Black will seine Redaktion daf\u00fcr interessieren, das Ehepaar Prentice sieht sich im Wissenschaftsolymp \u00fcber Newton, Curie oder Darwin erhaben. Ross ist skeptisch, \u00e4ngstlich. Er w\u00fcrde Ice am liebsten ins Meer werfen. Aber erstmal ist arktischer Winter und \u00dcberleben angesagt. In dieser Zeit lernen sich die Irdischen und Ice ein wenig kennen. Sie lernt erstaunlich schnell die ihr neue Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Musikalisch geht es hoch und vor allem laut her. Bevor sich die Akteure in ihren Positionen finden, gibt es diverse Rangeleien, besser Hahnenk\u00e4mpfe um die Oberhoheit: z.B. Wissenschaft contra Kapit\u00e4n und Bootseigner contra Kapit\u00e4n. In beiden F\u00e4llen zieht Letzterer den K\u00fcrzeren. Da sind die Bielefelder Philharmoniker unter Gregor Rot quer durch die Instrumentierung, die durch Holz- und Blechbl\u00e4ser dominiert ist, stark gefordert. Denn wann immer es turbulent wird \u2013 und das wird es des \u00d6fteren \u2013 wird es laut. Sehr laut. Das ist ein doppeltes Problem. Zum einen m\u00fcssen die S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger Erhebliches leisten, um einigerma\u00dfen h\u00f6rbar \u00fcber das Orchester zu kommen, zum andern fehlt es an Differenzierungen, um die Rollen zu charakterisieren. Wenn die M\u00e4nner gegen- oder miteinander singen, t\u00f6nt es einfach nur unangenehm. Den Frauen wird H\u00f6he abverlangt. Die Begegnungen zwischen Professor Prentice und Ice oder deren Eiserz\u00e4hlung sind feinste lyrische Momente. Oder Ices \u201eWiedergeburt\u201c: Sehr hohe Flageolett-T\u00f6ne kommentieren ihre ersten Atemz\u00fcge und Seufzer, in den Streich- und Blasinstrumenten sind gewisserma\u00dfen irisierende T\u00f6ne zu h\u00f6ren. Da gewinnt die ansonsten blasse Inszenierung (Maaike van Langen) Format.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Wort noch zu den Kost\u00fcmen: Verlangt war Arktisausr\u00fcstung, gezeigt wurde eine Wintermodenschau in der Arktis. Es w\u00e4re ungerecht, einzelne Akteure herauszuheben. Zu loben sind alle ob der Bravour, mit der sie die schweren Partien meistern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Ulrich Schmidt<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eAnthropocene\u201c (\u201eDie Frau aus dem Eis\u201c) (2019) \/\/ Oper von Stuart MacRae<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">Bielefeld \/ Theater Bielefeld (April 2023)<\/span><\/br><br \/>\nDeutsche Erstauff\u00fchrung von Stuart MacRaes \u201eAnthropocene\u201c<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":8897,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,1680],"tags":[],"class_list":["post-8896","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2023-04"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Theater-Bielefeld_Die-Frau-aus-dem-Eis-Anthropocene-c-Sarah-Jonek.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Theater-Bielefeld_Die-Frau-aus-dem-Eis-Anthropocene-c-Sarah-Jonek.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Theater-Bielefeld_Die-Frau-aus-dem-Eis-Anthropocene-c-Sarah-Jonek-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Theater-Bielefeld_Die-Frau-aus-dem-Eis-Anthropocene-c-Sarah-Jonek-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Theater-Bielefeld_Die-Frau-aus-dem-Eis-Anthropocene-c-Sarah-Jonek-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Theater-Bielefeld_Die-Frau-aus-dem-Eis-Anthropocene-c-Sarah-Jonek-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"19. 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