{"id":9070,"date":"2023-07-20T17:11:35","date_gmt":"2023-07-20T15:11:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=9070"},"modified":"2023-07-20T17:23:46","modified_gmt":"2023-07-20T15:23:46","slug":"bayreuth-4-0","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2023\/07\/20\/bayreuth-4-0\/","title":{"rendered":"Bayreuth 4.0"},"content":{"rendered":"<p><em>Interview Iris Steiner<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>(dieser Beitrag erschien urspr\u00fcnglich in unserer <a href=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/ausgabe-02-2023\/\" target=\"_blank\" aria-label=\"M\u00e4rz\/April-Ausgabe 2023 (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">M\u00e4rz\/April-Ausgabe 2023<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Zweifellos mutig, was Katharina Wagner sich da vorgenommen hat \u2013 und wahrscheinlich h\u00e4tte es Urgro\u00dfvater Richard gefallen: 2.000 Zuschauer mit Hightech-Sonnenbrillen im dunklen Saal versinken in seiner Musik \u2013 und in digitalen Phantasiewelten. Leider war damals wie heute die politische Klasse wenig experimentierfreudig und degradiert die von der Intendantin ausgerufene &#8222;Werkstatt Bayreuth&#8220; gerne und unbefugt zum Marketing-Gag. 300 Zuschauer kommen in diesem Jahr in den Genuss des virtuellen Spektakels, 1.700 gehen leer aus. &#8222;Es ist ein Anfang&#8220;, mein Regisseur Scheib und ist optimistisch, dass die technische Weltpremiere in Bayreuth genau am richtigen Ort stattfindet.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"939\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/jayscheib_portrait1_c_Helen-Duras-e1689597831913-939x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9074\" srcset=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/jayscheib_portrait1_c_Helen-Duras-e1689597831913-939x1024.jpg 939w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/jayscheib_portrait1_c_Helen-Duras-e1689597831913-275x300.jpg 275w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/jayscheib_portrait1_c_Helen-Duras-e1689597831913-768x837.jpg 768w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/jayscheib_portrait1_c_Helen-Duras-e1689597831913-500x545.jpg 500w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/jayscheib_portrait1_c_Helen-Duras-e1689597831913-800x872.jpg 800w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/jayscheib_portrait1_c_Helen-Duras-e1689597831913-870x948.jpg 870w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/jayscheib_portrait1_c_Helen-Duras-e1689597831913-600x654.jpg 600w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/jayscheib_portrait1_c_Helen-Duras-e1689597831913.jpg 1000w\" sizes=\"(max-width: 939px) 100vw, 939px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Jay Scheib (Foto Helen Duras)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wer hatte eigentlich die Idee, bei einer Neuproduktion in Bayreuth AR-Technologie zu verwenden \u2013 und warum haben Sie sich f\u00fcr den &#8222;Parsifal&#8220; entschieden?<\/strong><br>Grunds\u00e4tzlich kam der Ansto\u00df von Katharina Wagner. Wir haben uns schon vor Jahren, noch vor der Covid-Zeit \u00fcbrigens, viel dar\u00fcber ausgetauscht und \u00fcberlegt, welches Werk geeignet sein k\u00f6nnte. Der &#8222;Parsifal&#8220;-Stoff hat eine tolle Beziehung zur Realit\u00e4t und zum Irrealen. Genau richtig f\u00fcr einen Wandel zwischen einer realen und einer virtuellen Welt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es geht also um eine Darstellung dieser beiden Welten: der realistischen und dem, was Sie &#8222;magisch&#8220; nennen. Sie m\u00f6chten beide Aspekte auf der B\u00fchne und technisch &#8222;unter einen Hut bekommen&#8220;?<\/strong><br>Ja \u2013 obwohl es eigentlich gar nicht &#8222;magisch&#8220; ist oder eben &#8222;virtuell&#8220;, sondern eine Mischung. Wir erhoffen uns, das Virtuelle nutzen zu k\u00f6nnen, um das Reale zu konfrontieren und umgekehrt. Aber falls wir dabei eine magische Wirkung erfahren \u2026 umso besser. <em>(lacht)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ist so eine Avantgarde f\u00fcr technisch gest\u00fctzte B\u00fchnen\u00e4sthetiken denn ausgerechnet auf dem &#8222;Gr\u00fcnen H\u00fcgel&#8220; am richtigen Platz? Ver\u00e4ndert sich durch virtuelle Welten etwas Grundlegendes in der Wahrnehmung von Wagners Werk?&nbsp;<\/strong><br>Ich denke, man muss kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass Augmented Reality und \u00e4hnliche Technologien sehr bald ein zentraler Teil unseres Alltags sein werden. Wir sollten deshalb auch in der Kunst neugierig und spielerisch mit diesen M\u00f6glichkeiten umgehen und sie als das nutzen, was sie sind: heutige Ausdrucksmittel f\u00fcr Geschichten, die unsere Kultur gepr\u00e4gt haben und die wir auch 2023 noch erz\u00e4hlen m\u00f6chten. Nicht mehr und nicht weniger. Entweder wir nutzen diese Technologien im positiven und kreativen Sinn f\u00fcr uns \u2013 oder sie werden irgendwann uns benutzen. So einfach ist das.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was bedeutet das konkret f\u00fcr die Kunstform Oper?&nbsp;<\/strong><br>F\u00fcr mich pers\u00f6nlich bedeutet es, dass wir uns allgemeing\u00fcltigem technischem Fortschritt nicht verschlie\u00dfen d\u00fcrfen, weil er unsere Gesellschaft und unsere Zeit abbildet. Technik ist schon l\u00e4ngst im Alltag angekommen, wir bedienen uns ihrer ganz selbstverst\u00e4ndlich. Ich halte es f\u00fcr absolut \u00fcberf\u00e4llig, sie auch in Theater- oder Opernproduktionen einzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"614\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Haus_280621_016_eNawrath_presse-Kopie.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9073\" srcset=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Haus_280621_016_eNawrath_presse-Kopie.jpg 1000w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Haus_280621_016_eNawrath_presse-Kopie-300x184.jpg 300w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Haus_280621_016_eNawrath_presse-Kopie-768x472.jpg 768w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Haus_280621_016_eNawrath_presse-Kopie-500x307.jpg 500w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Haus_280621_016_eNawrath_presse-Kopie-800x491.jpg 800w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Haus_280621_016_eNawrath_presse-Kopie-870x534.jpg 870w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Haus_280621_016_eNawrath_presse-Kopie-600x368.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Wie zeitgem\u00e4\u00df darf Richard Wagners Werk interpretiert werden? Rund um das Bayreuther Festspielhaus eine immer wiederkehrende Fragestellung, die auch aktuell die Gem\u00fcter erhitzt (Foto Bayreuther Festspiele\/Enrico Nawrath)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Haben Sie keine Angst vor dem als sehr konservativ geltenden Bayreuther Publikum?<\/strong><br>Ich finde, es ist eine gro\u00dfartige Idee, und ich bewundere Katharina Wagners Mut und ihre Vision, die \u00adBayreuther Festspiele auf diese Art weiterzudenken. Ich bin sicher, dass diese Entwicklung Richard Wagner gefallen h\u00e4tte \u2013 er war ja durchaus daf\u00fcr bekannt, Neues und Unbekanntes gerne als Erster &#8222;haben&#8220; zu wollen. Davon abgesehen: Augmented Reality ist sehr kompliziert und fordert uns technisch wirklich heraus. Wir gehen tats\u00e4chlich einen ganz neuen Weg.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum sind Sie pers\u00f6nlich der Richtige f\u00fcr dieses Projekt \u2013 in Bayreuth, an einem der ber\u00fchmtesten Opernh\u00e4user der Welt?<\/strong><br>Ich bin ein gro\u00dfer Traditionalist \u2013 und ein gro\u00dfer Fan von Wagners Werk. Aus meiner Sicht war Bayreuth \u00adimmer ein guter Ort f\u00fcr neue Inspirationen und daf\u00fcr, Neues auszuprobieren. Ganz im Sinne des &#8222;Werkstatt Bayreuth&#8220;-Gedankens. Es ist eine gro\u00dfartige Erfahrung, hier mit den Besten ihres Fachs arbeiten zu d\u00fcrfen \u2013 und ich meine jetzt sowohl die Spezialisten hinter der B\u00fchne als auch alle K\u00fcnstler vor dem Vorhang. Nat\u00fcrlich ist Bayreuth auch ein sehr traditioneller Ort. Aber das ist f\u00fcr mich kein Widerspruch, sondern eine Herausforderung. Es geht darum, den perfekten &#8222;Weg der Verschmelzung&#8220; zu finden und die Technologie in der Komposition und im Klang dieses einzigartigen Saals quasi aufzul\u00f6sen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie konnten bereits 2021 Erfahrungen in Bayreuth sammeln. &#8222;Sei Siegfried&#8220; war ein multimediales Projekt mit Zuschauerbeteiligung. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?<\/strong><br>Zuerst war das Publikum nat\u00fcrlich skeptisch. Aber dann setzte einer nach dem anderen das Headset auf, fuchtelte wild mit den Armen und versank in der virtuellen Welt. Ein gro\u00dfer Spa\u00df!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ich habe den Eindruck, dass in der aktuellen Diskussion nicht immer ganz klar zwischen &#8222;Virtual Reality&#8220; \u2013 wie im &#8222;Siegfried&#8220;-Projekt 2021 \u2013 und &#8222;Augmented Reality&#8220; unterschieden wird. W\u00fcrden Sie uns das erkl\u00e4ren?<\/strong><br>Ganz grunds\u00e4tzlich ist man mit der &#8222;Virtual Reality&#8220; in einer Welt eingeschlossen und bekommt von der Au\u00dfenwelt \u00fcberhaupt nichts mit. Bei der &#8222;Augmented Reality&#8220; schaut man durch eine ganz normale Brille im ganz normalen Sichtfeld <em>hindurch<\/em> \u2013 es werden lediglich zus\u00e4tzliche Elemente hinzugef\u00fcgt. Da es im Theatersaal dunkel und nur die B\u00fchne beleuchtet ist, kann man die Umgebung gewisserma\u00dfen technisch &#8222;\u00fcberschreiben&#8220;. Ich kann problemlos einen Wald in den Zuschauerraum projizieren oder die Auff\u00fchrung aus einem Baum heraus beobachten. Man kann die B\u00fchne optisch meilenweit verl\u00e4ngern oder einen riesigen Felsen mit reflektierenden Partikeln direkt \u00fcber Ihrem Kopf schweben lassen. Nichts davon schm\u00e4lert die Aussagekraft der Geschichte \u2013 und schon gar nicht die der Musik. Im Gegenteil: Man kreiert zus\u00e4tzliche Elemente, die das Erlebnis im besten Fall noch intensiver machen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"667\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/0l_pre_images_-c_Jay-Scheib-interactive-design-Joshua-Higgason.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9072\" srcset=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/0l_pre_images_-c_Jay-Scheib-interactive-design-Joshua-Higgason.jpg 1000w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/0l_pre_images_-c_Jay-Scheib-interactive-design-Joshua-Higgason-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/0l_pre_images_-c_Jay-Scheib-interactive-design-Joshua-Higgason-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/0l_pre_images_-c_Jay-Scheib-interactive-design-Joshua-Higgason-500x334.jpg 500w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/0l_pre_images_-c_Jay-Scheib-interactive-design-Joshua-Higgason-800x534.jpg 800w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/0l_pre_images_-c_Jay-Scheib-interactive-design-Joshua-Higgason-870x580.jpg 870w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/0l_pre_images_-c_Jay-Scheib-interactive-design-Joshua-Higgason-600x400.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Virtuelle Welten auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel (Bild Jay Scheib, interactive design Joshua Higgason)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Ist diese &#8222;Parsifal&#8220;-Produktion eigentlich eine Art &#8222;Weltpremiere&#8220; f\u00fcr diese Form der Nutzung von Augmented-Reality-Technologie? &nbsp;<\/strong><br>Meines Wissens hat noch niemand versucht, eine abendf\u00fcllende Oper damit auszustatten. Es gab experimentelle Versuche in der Art einer &#8222;Pass-Through-AR&#8220;, so wie wenn Sie mit Ihrem Handy eine Speisekarte scannen. Aber in unserer Gr\u00f6\u00dfenordnung ist mir nichts bekannt. Ich arbeite jetzt seit fast zwei Jahren mit meinem Team und mehreren Kollegen an der Entwicklung. Und es ist zugegebenerma\u00dfen sehr kompliziert \u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn ich das richtig verstanden habe, sind Sie also Regisseur und technischer Entwickler in Personalunion?<\/strong><br>Ja, allerdings arbeiten wir zu mehreren an der Umsetzung. Unser Entwicklungschef ist der interaktive Designer und Videodesigner Joshua Higgason. Die Hardware \u2013 die Brille f\u00fcr jeden einzelnen Zuschauer \u2013 wird durch das chinesische Unternehmen &#8222;Nreal&#8220; eigens f\u00fcr diese Anwendung hergestellt. Man kann sie sich vorstellen wie eine normale, sehr hell get\u00f6nte Sonnenbrille, die unter dem Sitz mit einer kleiner Steuerungseinheit verbunden ist. Der Zuschauer muss nichts weiter tun, als zu Beginn der Vorstellung die Brille wie eine Sonnenbrille aufzusetzen. F\u00fcr Brillentr\u00e4ger gibt es sogar passende Linsen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie uns bereits jetzt ein paar Einblicke in Ihre Arbeit am &#8222;Parsifal&#8220; geben?&nbsp;<\/strong><br>Gerne! Gleich w\u00e4hrend der Ouvert\u00fcre haben wir beispielsweise einen riesigen Baum aufgestellt. Sie sehen die Wurzeln, die Zweige und Sie k\u00f6nnen sehen, dass sich im Inneren des Baums eine Art Titan-Silberkern befindet. Er ist 20 Meter lang und zehn Meter breit \u2013 etwa die Gr\u00f6\u00dfe des Saales \u2013 und dreht sich ganz langsam. Wenn Sie vorne im Theater sitzen, ist er \u00fcber Ihnen, wenn Sie hinten sitzen, sehen Sie ihn im Ganzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie man h\u00f6rt, stehen lediglich gut 300 Brillen pro Vorstellung zur Verf\u00fcgung. Nicht gerade \u00fcppig bei 2.000 Pl\u00e4tzen. Eine Art &#8222;Zweiklassen-Gesellschaft&#8220;? Was sehen die vielen Besucher im Publikum ohne Brille?<\/strong><br>Wir behelfen uns mangels vollst\u00e4ndiger Ausr\u00fcstung f\u00fcr alle Zuschauer mit einem sogenannten Echtzeit-3D-\u00adErstellungstool (insbesondere aus der Videospiel-Entwicklung) und andere Arten der Echtzeit-Videoverarbeitung auf einem riesigen Rundum-Bildschirm. Das alles sieht man dann auch ohne Brille zus\u00e4tzlich zur Handlung auf der B\u00fchne.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie also ausschlie\u00dfen, dass Zuschauer &#8222;ohne Brille&#8220; etwas Wesentliches verpassen?<\/strong><br>Ich w\u00fcrde es anders formulieren. Mit Brille sehen Sie eine andere Vorstellung als ohne. Ich zitiere dazu gerne den surrealistischen Dichter Paul \u00c9luard: &#8222;Es gibt eine andere Welt. Und die befindet sich <em>in<\/em> dieser einen \u2026&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"563\" src=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Screenshot-Bayreuth-Festival-AR-introduction-video.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9077\" srcset=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Screenshot-Bayreuth-Festival-AR-introduction-video.jpg 1000w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Screenshot-Bayreuth-Festival-AR-introduction-video-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Screenshot-Bayreuth-Festival-AR-introduction-video-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Screenshot-Bayreuth-Festival-AR-introduction-video-500x282.jpg 500w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Screenshot-Bayreuth-Festival-AR-introduction-video-800x450.jpg 800w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Screenshot-Bayreuth-Festival-AR-introduction-video-870x490.jpg 870w, https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Screenshot-Bayreuth-Festival-AR-introduction-video-600x338.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">(Screenshot Bayreuth Festival AR introduction video)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Schade f\u00fcr den gro\u00dfen &#8222;Rest&#8220; des Publikums, der also nur die eine Welt sieht.<\/strong><br>Ja schade, aber es ist ein Anfang. Wenn es funktioniert und dem Publikum gef\u00e4llt, werden wir sicher bald auch eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl Brillen bekommen. &#8222;Werkstatt \u00adBayreuth&#8220; eben. Ein bisschen ist auch der Weg schon das Ziel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie gehen Sie mit Ihren lautstarken Kritikern um, die es ja auch gibt?<\/strong><br>Ich denke, es bringt nichts, wenn man sich \u00e4rgert. Es ist nichts Neues, dass Menschen auf Ver\u00e4nderungen zuerst einmal mit Abwehr reagieren \u2013 bis es dann pl\u00f6tzlich &#8222;Tradition&#8220; ist. Ich versuche, mich dem Werk so ehrlich und tiefgehend wie m\u00f6glich zu n\u00e4hern. Als Wagner damals das Orchester in einem Graben &#8222;versteckte&#8220;, verloren die Leute auch den Verstand. Und dann hat diese Innovation und das ganz spezielle Klangerlebnis hier am Haus letztendlich zu einer ganz anderen Arbeitsweise der Dirigenten gef\u00fchrt. Was die \u00f6ffentliche Diskussion betrifft, auf die Sie anspielen: Mit mir hat niemand pers\u00f6nlich gesprochen, und ich sehe es auch nicht als meine Aufgabe, irgendetwas zu verteidigen. Es wird immer Leute geben, die ein Konzert jeder Inszenierung vorziehen w\u00fcrden. Meine Arbeit dreht sich um die Musik, die Geschichte und die Art und Weise, wie ein Bild zum n\u00e4chsten und dann zu noch einem wird. Was ich in dieser Form allerdings tats\u00e4chlich nicht erwartet habe, ist die hohe politische Relevanz, die wir mit unserer Arbeit ganz offensichtlich ausl\u00f6sen \u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sind wir Deutschen fortschritts- und technikfeindlich? Oder woher kommt diese Ablehnung ihrer Meinung nach?&nbsp;<\/strong><br>Nein, ich glaube nicht, dass es an mangelndem technischen Interesse liegt. Ganz im Gegenteil, ich halte die deutschen Theaterh\u00e4user f\u00fcr die besten der Welt, weil es immer geradezu einen Spa\u00df an Innovationen gibt und daran, etwas auszuprobieren. Viel mehr als in den Vereinigten Staaten, Gro\u00dfbritannien oder Frankreich. In meinen 20 Jahren, die ich hier bereits arbeiten darf, habe ich die deutsche Theatertradition immer als eine Tradition der permanenten Revolution empfunden. Und Revolution ist manchmal chaotisch. Aber es ist ein gro\u00dfes Privileg, daran teilhaben zu d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben lange vorgearbeitet und entwickelt. Wann beginnen nun wirklich die Proben vor Ort?<\/strong><br>Mitte Mai startet die Einrichtung, zuvor machen wir im M\u00e4rz und April gr\u00f6\u00dfere technische Tests. Mein Team am Massachusetts Institute of Technology (MIT) besteht aus sieben Kollegen, die mit mir alles vorbereiten, was wir dann in Bayreuth einbauen werden. Wenn es nach mir gegangen w\u00e4re, h\u00e4tten wir sofort alle 2.000 Pl\u00e4tze mit Brillen ausgestattet. Aber ich gehe ohnehin davon aus, dass in ein paar Jahren jeder sein eigenes Headset mitbringen wird. Meine Aufgabe als Regisseur ist und bleibt immer die, eine neue Welt zu kreieren. Die Mittel passen sich ganz einfach der Zeit an.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Als Regisseur und Technikexperte in einer Person arbeiten Sie in zwei eigentlich sehr unterschiedlichen Berufen. Wie haben Sie es geschafft, beides zu perfektionieren?&nbsp;<\/strong><br>Ich arbeite in vielen Disziplinen, habe klassisches Ballett gemacht, vor Kurzem eine Rock\u2019n\u2019Roll-Arena-Tournee in Neuseeland, dazu Musicals, experimentelle Theaterst\u00fccke und Opern. Und ich hatte schon immer ein starkes pers\u00f6nliches Interesse an neuen Technologien.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trotz allem ist es ein gro\u00dfer Unterschied, &#8222;Spa\u00df&#8220; an technischen Entwicklungen zu haben und sie professionell zu verstehen und einzusetzen. Das klingt eigentlich nach zwei Berufen.<\/strong><br>Einiges von dem, was ich mir vorstelle, kann ich selbst realisieren und besitze eine Art professionellen \u00dcberblick dar\u00fcber, was machbar ist und was nicht. Dann suche ich mir die passenden Spezialisten. Letztendlich bin ich in erster Linie verantwortlich f\u00fcr das Ergebnis und daf\u00fcr, dass jeder Abend ein unvergesslicher wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile has-media-on-the-top has-background\" style=\"background-color:#f6f6f6\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color\" style=\"font-size:22px\"><strong><strong><strong><strong>Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus unserer Ausgabe M\u00e4rz\/April 2023<\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/product\/print-ausgabe-02-2023\/\" target=\"_blank\" aria-label=\" (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">Print-Ausgabe bestellen<\/a><\/strong> | <strong><a href=\"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/product\/pdf-ausgabe-02-2023\/\" target=\"_blank\" aria-label=\" (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">PDF-Ausgabe bestellen<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viel Wirbel um ein paar Brillen: Der ameri\u00adkanische Regisseur Jay Scheib erweitert die Bayreuther \u201eParsifal\u201c-Realit\u00e4t um eine AR-Dimension<\/p>","protected":false},"author":14,"featured_media":9071,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[86,1676],"tags":[],"class_list":["post-9070","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-beitraege","category-beitraege-02-2023"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/0c_pre_images_-c_Jay-Scheib-interactive-design-Joshua-Higgason.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/0c_pre_images_-c_Jay-Scheib-interactive-design-Joshua-Higgason.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/0c_pre_images_-c_Jay-Scheib-interactive-design-Joshua-Higgason-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/0c_pre_images_-c_Jay-Scheib-interactive-design-Joshua-Higgason-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/0c_pre_images_-c_Jay-Scheib-interactive-design-Joshua-Higgason-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/0c_pre_images_-c_Jay-Scheib-interactive-design-Joshua-Higgason-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"20. 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