{"id":9304,"date":"2023-10-05T13:03:00","date_gmt":"2023-10-05T11:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=9304"},"modified":"2023-10-26T13:04:04","modified_gmt":"2023-10-26T11:04:04","slug":"berlin-aida","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2023\/10\/05\/berlin-aida\/","title":{"rendered":"Cancan tanzen gegen den Kolonialismus"},"content":{"rendered":"<p>Keine \u201eAida\u201c mehr ohne Postkolonialismus, das scheint heute Allgemeingut der Opernregie zu sein. Man kann froh sein, wenn nicht Puppen die Rolle der \u00e4thiopischen K\u00f6nigstochter \u00fcbernehmen wie zuletzt in Paris. An der Berliner Staatsoper sind die neuen Akzente weniger einschneidend: Eine schwarze T\u00e4nzerin steuert etwas Lokalkolorit bei, daneben wird die Kolonialgeschichte in Projektionen und stummen Handlungen gezeigt. So m\u00fcssen kleine Kinder \u2013 ihre Hautfarbe muss man nicht zum Nennwert nehmen \u2013 w\u00e4hrend der Siegesfeier Frondienste leisten, wobei sie von einem Sklaventreiber in Clownsmaske mit Peitsche traktiert werden. Die Projektionen kreisen um koloniale Erinnerungen der popul\u00e4rsten Sorte, etwa eine Elefanten-Safari. Die \u00c4gypter treten derweil unvermittelt als Ballgesellschaft aus dem 19. Jahrhundert auf. Sie tanzen wie berauscht, Cancan-artig zu den kolonialen Filmszenen \u2013 und nat\u00fcrlich zu Verdis musikalischer Siegesfeier.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide Elemente werden von Calixto Bieto gekonnt amalgamiert und ergeben so eine Botschaft, die irgendwie auch an das Publikum geht: Auch ihr habt an den kolonialen Untaten mitgewirkt und davon profitiert. Das f\u00fchrt dann vielleicht auch zu den Buhs gegen das Regieteam, das daneben eine handwerklich gute bis vorz\u00fcgliche Arbeit geleistet hat, nat\u00fcrlich mit einigen Wacklern, etwa wenn Radam\u00e8s noch im Duett mit Aida einige \u00c4thiopier erschie\u00dfen muss. Doch inhaltlich stimmt auch diese Idee gut ein auf die inneren Konflikte der Figuren zwischen den Kriegsfronten. Aber diese kleine Zumutung ist da gewesen, vielleicht eine zu viel, auch in sachlicher Hinsicht. Denn eigentlich hat \u201eAida\u201c zwar viel mit nationalen oder ethnischen Konflikten zu tun, aber eher wenig mit der europ\u00e4isch-afrikanischen Kolonialgeschichte. Nicht einmal schwarz geschminkt waren die Aidas des 19. Jahrhunderts. Aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bieito gelingen zum Teil wahre Geniestreiche, sicher auch dank einer Amneris wie Elina Garan\u010da, die nur aufzutreten braucht, um die B\u00fchne zum Leben zu erwecken. Ohne M\u00fche verk\u00f6rpert sie die einflussreiche Prinzessin, die stets mit sicherer Stimme das letzte Wort hat. Das gilt bekanntlich bis zum Schluss des Werks, an dem die Garan\u010da dieses Mal durchaus dramengem\u00e4\u00df einen zweifachen Todesengel spielen darf. Auf gleichem Niveau singt und spielt Ren\u00e9 Pape, der als Oberpriester Ramphis wie das Licht der Wahrheit durch die teils tumultuarische Handlung stolziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicola Luisotti f\u00fchrt die Staatskapelle Berlin elegant in gedeckten Farben, fast k\u00f6rperlos rein, temporeich und manchmal etwas trocken, nur ab und zu darf der Klang \u00fcppig und ausladend werden. Deutlich wird so seine eminente Kennerschaft bei der Gestaltung von musikalischer Vorbereitung und Steigerung \u00fcber weite Strecken. Ein wenig mehr Schmelz und Evasion ins Ariose w\u00fcrde den S\u00e4ngern und dem Publikum aber guttun.<\/p>\n\n\n\n<p>Das B\u00fchnenbild (Rebecca Ringst) ist ein fast bis zuletzt einheitlicher Saal in Lackwei\u00df mit einigen F\u00e4chern und einziehbaren Ebenen, der abwechslungsreich, mit Lichtstimmungen von Silber \u00fcber Glanzgold bis Glei\u00dfend-Wei\u00df (noch so eine kleine Zumutung), bespielt wird. Genial, wie der religi\u00f6se Ptah-Chor als Waffenweihe und folglich als Gesang der ins Feld ziehenden Soldaten \u2013 samt Todessschauer in der Lebensfeier \u2013 aufgefasst ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Yusif Eyvazov bietet als Radam\u00e8s von Beginn an eine Vielfalt an Klangcharakteren, vom kehligen Leidensmann \u2013 besonders im packenden Finalduett mit Amneris \u2013 bis zur himmelblauen Tenorh\u00f6he, und artikuliert vor allem in den Ensembles einmalig klar. Marina Rebeka gibt ihr Rollendeb\u00fct und gestaltet eine Aida, die nicht ozeanisch zerflie\u00dft, sondern mit kompakt gerundetem Klang und Verve am Drama teilnimmt. Gabriele Viviani ist ein Amonasro aus dem Bilderbuch, mit dunkler Tinta und Tragf\u00e4higkeit. Er und die Aida sind nicht dunkel geschminkt, und das st\u00f6rt kein bisschen bei der Auffassung des Dramas.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Matthias Nikolaidis<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eAida\u201c (1871) \/\/ Oper von Giuseppe Verdi<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">Berlin \/ Staatsoper Unter den Linden (Oktober 2023)<\/span><\/br><br \/>\nCalixto Bieito liefert eine oftmals genialische \u201eAida\u201c \u2013 w\u00e4re nur nicht die Wokeness<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":9305,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,1687],"tags":[],"class_list":["post-9304","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2023-06"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Staatsoper-Unter-den-Linden_Aida-c-Herwig-Prammer.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Staatsoper-Unter-den-Linden_Aida-c-Herwig-Prammer.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Staatsoper-Unter-den-Linden_Aida-c-Herwig-Prammer-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Staatsoper-Unter-den-Linden_Aida-c-Herwig-Prammer-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Staatsoper-Unter-den-Linden_Aida-c-Herwig-Prammer-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Staatsoper-Unter-den-Linden_Aida-c-Herwig-Prammer-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"5. 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