{"id":9433,"date":"2023-12-19T10:34:55","date_gmt":"2023-12-19T09:34:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=9433"},"modified":"2023-12-19T16:27:07","modified_gmt":"2023-12-19T15:27:07","slug":"stuttgart-la-fest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2023\/12\/19\/stuttgart-la-fest\/","title":{"rendered":"\u201eLa Fest\u201c in \u201eThe L\u00e4nd\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Als der Stuttgarter Intendant Viktor Schoner den Regisseur und Choreografen Eric Gauthier eingeladen hatte, eine Oper zu inszenieren, wollte dieser keines der bekannten Werke auf die B\u00fchne bringen. Stattdessen besann er sich auf ein Verfahren, das bis ins sp\u00e4te 18. Jahrhundert durchaus g\u00e4ngige Praxis im Musiktheater war: das Pasticcio, bei dem ein neues Theaterst\u00fcck zu bereits bestehender Musik von verschiedenen Komponisten aufgef\u00fchrt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>In Stuttgart l\u00e4sst Gauthier zwei Handlungslinien parallel laufen. Zum einen bereitet sich eine Festgesellschaft \u2013 Gastgeberin gleicherma\u00dfen wie G\u00e4ste \u2013 auf ein Fest vor und kommt auf diese Weise in einem eleganten Rahmen zusammen, f\u00fcr den sich Kost\u00fcmbildnerin Gudrun Schretzmeier eine wunderbare Gewandung hat einfallen lassen. Zugleich wird die Geschichte der Gastgeberin erz\u00e4hlt, eine 90 Jahre alt gewordene Dame, welche aus Anlass ihres runden Geburtstags \u201eLa Fest\u201c ausrichtet und dabei zugleich, den nahenden Tod vor Augen, all jene Feste Revue passieren l\u00e4sst, die in ihrem Leben bedeutsam gewesen sind \u2013 die sp\u00e4te Hochzeit in ihren F\u00fcnfzigern, eine Studentenparty, ein Zusammenkommen in fr\u00fcher Kindheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesem Geschehen im klugen B\u00fchnenbild von Susanne Gschwender stellt Gauthier einen Prolog voran, bei dem er in der Art eines Showmasters sein Team vorstellt und das Publikum gekonnt einbezieht, u.a. zum gemeinsamen Singen mit dem Staatsopernchor animiert. Das kommt gut an, macht sicher vielen, die bislang noch gar nicht oder nur wenige Male aus unbegr\u00fcndeten Schwellen\u00e4ngsten heraus in der Oper gewesen sind, Lust auf mehr und erfreut die \u201eFreaks\u201c genauso.<\/p>\n\n\n\n<p>Im eigentlichen Teil der Auff\u00fchrung geht Gauthier mit erkennbarer Spiellust in die Vollen, verbindet Schauspiel, Tanz, Musik, Licht und Farbe zu fantastischer Einheit, hat sp\u00fcrbar Freude an barocker Opulenz, inszeniert aber auch im Schlussgesang der alten Dame das in Barockst\u00fccken nicht minder bedeutsame \u201eMemento mori\u201c mit gro\u00dfer Ernsthaftigkeit. Einmal abgesehen von der langatmigen Flaschendreherei-Szene bei der Studentenparty vergehen die pausenlosen zwei Stunden wie im Flug.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es in dieser Zeit, vom \u00fcberfl\u00fcssigen Rap-Remix von Bachs Air aus der dritten Orchestersuite einmal abgesehen, durchweg wunderbare Musik zu h\u00f6ren, die sonst kaum zu erleben ist. Gemeinsam mit dem wieder einmal vorz\u00fcglichen Solisten-Ensemble bis hin zu Lia Grizelj vom Kinderchor der Staatsoper Stuttgart hat Benjamin Bayl Kostbarkeiten aus rund 150 Jahren Musikgeschichte ausgew\u00e4hlt. Gleichwohl: So richtig \u00fcberzeugend ist er als Dirigent nur in jenen Musikteilen, die mit einer kleinen Orchester-Besetzung musiziert und von ihm vom Cembalo aus geleitet werden; bei den gro\u00df besetzten St\u00fccken, gar noch mit Chor, verliert er immer wieder den Kontakt zu den einzelnen Stimmgruppen. Gl\u00fccklicherweise l\u00e4sst sich der von Manuel Pujol hervorragend einstudierte Staatsopernchor wie auch das gro\u00dfartig sich diesen Repertoire-Rarit\u00e4ten annehmenden, von einem tollen Konzertmeister angef\u00fchrte Staatsorchester Stuttgart von den mitunter wenig plausiblen Dirigier-Bewegungen nicht irritieren. Auch an stilistischer Differenzierung w\u00e4re angesichts des reichen Angebots von Chor und Orchester noch mehr herauszuholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den S\u00e4ngerinnen und S\u00e4ngern zentriert sich das Geschehen um die hinrei\u00dfende Diana Haller, die nicht nur schauspielerisch die Figur der alten Dame mit ihrer R\u00fcckverwandlung in die junge Frau und die abschlie\u00dfende Sterbeszene glaubhaft \u00fcber die B\u00fchne bringt, sondern schon im Prolog mit ihrem herrlichen mezza di voce auf der ersten Textsilbe \u201eAlto Giove\u201c aus Porporas Oper \u201ePolifemo\u201c aufhorchen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sopranistin Claudia Muschio differenziert glasklar und h\u00f6hensicher ihre Wut- und Eifersuchtsarien, ihre Kollegin Natasha Te Rupe Wilson steigt fulminant in ihr Duett aus Reinhard Keisers \u201eFredegunda\u201c ein, Countertenor Yuriy Mynenko bringt Vivaldis Giustino zum Leuchten, Tenor Alberto Robert \u00fcberzeugt im italienischen Fach mehr als im deutschen, und Bariton Yannis Fran\u00e7ois gef\u00e4llt mit eleganter Stimmf\u00fchrung. Bewundernswert auch die Vielgestaltigkeit der T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer mit einem stilistischen Spektrum bis hin zu Breakdance und Geb\u00e4rdensprache. Ein besonderer Abend!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Dr. J\u00f6rg Riedlbauer<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eLa Fest\u201c (2023) \/\/ Oper als barocke Feier des Lebens von und mit Eric Gauthier \u2013 Musiktheaterkreation mit Arien, Ensembles, Ch\u00f6ren und T\u00e4nzen von Johann Sebastian Bach, Riccardo Broschi, Antonio Caldara, Francesco Cavalli, John Dowland, Carl Heinrich Graun, Georg Friedrich H\u00e4ndel, Reinhard Keiser, Marin Marais, Tarquino Merula, Nicola Porpora, Henry Purcell, Jean-Philippe Rameau, Agostino Steffani, Georg Philipp Telemann, Leonardo Vinci und Antonio Vivaldi<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.staatsoper-stuttgart.de\/spielplan\/a-z\/la-fest\/\" target=\"_blank\" aria-label=\"Infos und Termine auf der Website der Staatsoper Stuttgart (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">Infos und Termine auf der Website der Staatsoper Stuttgart<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">Stuttgart \/ Staatsoper Stuttgart (Dezember 2023)<\/span><\/br><br \/>\nStarchoreograf Eric Gauthier inszeniert ein Barock-Pasticcio aus 31 wunderbaren Musiknummern<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":9434,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,1688],"tags":[],"class_list":["post-9433","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2024-01"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Staatsoper-Stuttgart_La-Fest-c-Matthias-Baus.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Staatsoper-Stuttgart_La-Fest-c-Matthias-Baus.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Staatsoper-Stuttgart_La-Fest-c-Matthias-Baus-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Staatsoper-Stuttgart_La-Fest-c-Matthias-Baus-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Staatsoper-Stuttgart_La-Fest-c-Matthias-Baus-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Staatsoper-Stuttgart_La-Fest-c-Matthias-Baus-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"19. 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