{"id":9757,"date":"2024-04-07T21:06:49","date_gmt":"2024-04-07T19:06:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=9757"},"modified":"2024-04-24T16:20:49","modified_gmt":"2024-04-24T14:20:49","slug":"linz-benjamin-button","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2024\/04\/07\/linz-benjamin-button\/","title":{"rendered":"Bis dass die Geburt uns scheidet &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Kaum f\u00fcnf Minuten auf der Welt, verlangt er Whisky, Zigarren und den Sportteil der Zeitung. Benjamin Button erblickt 1860 in Baltimore das Licht der Welt \u2013 als Greis. Er n\u00e4hert sich unaufhaltsam nicht etwa seinem Tod, sondern seiner Geburt, wird j\u00fcnger und j\u00fcnger, schwimmt gegen den Strom, ohne Wenn und Aber. Dieses so simple wie geniale Gedankenspiel brachte F. Scott Fitzgerald 1922 als Novelle zu Papier; ein Oscar-pr\u00e4mierter Hollywood-Film verankerte die Geschichte 2008 im popkulturellen Ged\u00e4chtnis. Die Oper, die Reinhard Febel (*1952), langj\u00e4hriger Kompositionsprofessor am Salzburger Mozarteum, jetzt f\u00fcr das Landestheater Linz komponiert hat, ist bereits die dritte Vertonung des Stoffes in nur 15 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBenjamin Button\u201c ist ein hochartifizielles, polystilistisches Werk geworden. Daf\u00fcr weitet Febel als sein eigener Librettist den zeitlichen Rahmen des Originals, epochen\u00fcbergreifend reicht Benjamin Buttons Schicksal vom Amerikanischen B\u00fcrger- bis zum Ausbruch des Koreakriegs. Ein Panorama von fast 100 Jahren, was sich musikalisch niederschl\u00e4gt: Die schroffe, dann wieder lyrisch-anschmiegsame Tonsprache zitiert Sp\u00e4tromantik ebenso wie Jazz oder Sch\u00f6nberg. Die unerbittliche Uhr des Lebens tickt aus dem von Ingmar Beck virtuos dirigierten Bruckner Orchester Linz in Form einer Riesenratsche, wird aufgezogen und beschleunigt: \u201eMemento mori\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Man genie\u00dft diesen sinnig verwobenen Strom der Zeiten in 110 pausenlosen Minuten vielleicht nicht sonderlich, aber man h\u00f6rt und schaut gebannt hin. Besondere Hervorhebung verdient das Libretto, in dem Febel Metaphern des t\u00e4glichen Sprachgebrauchs originell verkehrt und dabei weder feine Ironie noch eine geh\u00f6rige Position Melancholie vermissen l\u00e4sst. Intendant Hermann Schneider steuert f\u00fcr diese ganz eigent\u00fcmliche Atmosph\u00e4re und das im Vergleich zu Fitzgerald um einige originelle Figuren wie \u201eKuscheltier-G\u00f6tter\u201c erweiterte Ensemble eine bildstarke Regiearbeit bei, die auf S\u00fcdstaaten-\u00c4sthetik (B\u00fchne: Dieter Richter) und in allererster Linie gro\u00dfartige Maskenverfremdung (Kost\u00fcme: Meentje Nielsen) setzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bringt man eine Studie \u00fcber die unertr\u00e4gliche Zeit zwischen Werden und Vergehen zu emotionalem Geh\u00f6r? Hier liegt die Crux des Abends: So \u00fcberzeugend und ideenreich Martin Achrainer sich der Titelrolle annimmt, diese bleibt \u00fcber weite Strecken doch mehr Kuriosum als Mensch, mehr Theaterparabel und \u201eAlien\u201c als f\u00fchlender Ankerpunkt. Das \u00e4ndert sich erst am Ende einer langen Reise, wenn Benjamin schrumpft und zu \u201eBenji\u201c wird. Gabriel Federspieler, Jahrgang 2010, meistert seine durchaus stattliche Menge an Gesangspassagen nicht nur mit glasklarer Knabenstimme, er f\u00e4ngt das zunehmend konfuse Verhalten des verl\u00f6schenden \u201egreisen Kindes\u201c dar\u00fcber hinaus auch noch flatterhaft-unruhig und unglaublich detailliert ein: ein ber\u00fchrendes Abbild von Altersdemenz im K\u00f6rper eines Kleinkinds.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Verlust trifft eine ganz besonders: Hildegard, erst die kindliche Spielgef\u00e4hrtin des noch alten Benjamin, sp\u00e4ter seine Frau in der Mitte beider Leben, dann sein \u201eTantchen\u201c und in letzter Konsequenz die \u201eGranny\u201c. \u201eWie zwei Himmelsk\u00f6rper ziehen wir aneinander vorbei\u201c \u2013 die Sehnsucht nach den wenigen Jahren im Einklang, sie schwingt immer mit in Carina Tybjerg Madsens schw\u00fcl-wehm\u00fctigem Portr\u00e4t einer bedingungslos Liebenden. \u201eAuch vorw\u00e4rts leben ist schwer\u201c, das beweist ein engagiertes Ensemble in vielf\u00e4ltigen Partien, darunter die mythisch-imagin\u00e4ren \u201eKuscheltier-G\u00f6tter\u201c (Sophie Bareis, Zuzana Petrasov\u00e1, Martin Enger Holm, Felix Lodel), Michael Wagner als Benjamins Vater \u2013 pragmatisch denkender Gesch\u00e4ftsmann durch und durch \u2013, Matth\u00e4us Schmidlechner in der Charakterrolle des Doktor Keene oder auch die beiden Zeitungsjungen (Jonathan Hartzendorf und Alexander York) als plakative Chronisten eines Jahrhunderts amerikanischer Sozialgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWoher gehe ich? Wohin komme ich?\u201c Fast neunzig Jahre alt, spielt Benjamin Button schlie\u00dflich doch noch Ball, verlernt zu sprechen \u2013 und ein Baby nimmt Abschied.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Florian Maier<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eBenjamin Button\u201c (2024) \/\/ Oper von Reinhard Febel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.landestheater-linz.at\/stuecke\/detail?ref=5009\" target=\"_blank\" aria-label=\"Infos und Termine auf der Website des Landestheaters Linz (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">Infos und Termine auf der Website des Landestheaters Linz<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">Linz \/ Landestheater Linz (April 2024)<\/span><\/br><br \/>\nReinhard Febels \u201eBenjamin Button\u201c blickt auf ein Leben im R\u00fcckw\u00e4rtsgang<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":9758,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,1699],"tags":[],"class_list":["post-9757","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2024-03"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Landestheater-Linz_Benjamin-Button-c-Reinhard-Winkler.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Landestheater-Linz_Benjamin-Button-c-Reinhard-Winkler.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Landestheater-Linz_Benjamin-Button-c-Reinhard-Winkler-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Landestheater-Linz_Benjamin-Button-c-Reinhard-Winkler-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Landestheater-Linz_Benjamin-Button-c-Reinhard-Winkler-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Landestheater-Linz_Benjamin-Button-c-Reinhard-Winkler-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"7. 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