Registrierung
Tag

Berlin

Mit Kostüm und Abstand

Berlin / Komische Oper Berlin (Oktober 2020)
Offenbachs „Großherzogin von Gerolstein“ – ein fantasievoller Hingucker

Berlin / Komische Oper Berlin (Oktober 2020)
Offenbachs „Großherzogin von Gerolstein“ – ein fantasievoller Hingucker

Zweieinhalb Stunden höheren Blödsinn verspricht Barrie Kosky in seiner Rede vor der Premiere von Jacques Offenbachs „Großherzogin von Gerolstein“ in der Komischen Oper Berlin. Doch zuvor macht er seiner Enttäuschung in Richtung Politik Luft. Die hat bekanntlich entschieden, alle kulturellen Einrichtungen vorerst zu schließen, weil sie zur Freizeitindustrie gezählt und mit Fitness- oder Nagelstudios gleichgesetzt werden. Dabei wurde in seinem Haus ein solch ausgeklügeltes Hygienekonzept entwickelt – „fünf Sterne“ sei es wert, so Kosky –, dass Infizierungen kaum möglich sein sollten.

Auch seine Offenbach-Inszenierung hat der Regisseur der Corona-Zeit angepasst und den notgedrungenen Abstand künstlerisch verarbeitet. Es gibt keine Ausstattung, das Ballett besteht nur aus einem Tanzquartett, das Orchester aus 18 Musizierenden, der Chor ist ganz gestrichen. Der Clou sind die Kostüme von Klaus Bruns. Die ausladenden Reifröcke und Fatsuits, die er entworfen hat, sind fantasievolle Hingucker und garantieren körperliche Distanz.

Die 1867 komponierte „Großherzogin von Gerolstein“, die zu den erfolgreichsten Operetten Offenbachs zählt, handelt von einer Potentatin, die aus Langeweile einen Krieg anzettelt und dabei willkürliche Entscheidungen trifft. So befördert sie den schmucken Soldaten Fritz, auf den sie ein Auge geworfen hat, kurzerhand zum obersten General. Der ist siegreich, wählt aber am Ende das Bauernmädchen Wanda. Die Großherzogin bleibt allein zurück – und genießt es. So die abgewandelte Schlusspointe von Barrie Kosky, der die Militär- und Obrigkeitssatire als überdrehte Typenkomödie für das Gesangsensemble der Komischen Oper inszeniert hat. Alle Rollen sind sogar doppelt besetzt, weil eine zweite Premiere vorgesehen ist.

Jens Larsen bestätigt als General Bumm seine Qualitäten als bassschwarzer Vollblutkomiker, Alma Sadé ist eine quirlige Wanda, Ivan Turšić ein etwas blasser Fritz. Die Titelpartie hat sich der Bariton Tom Erik Lie als Travestie passgenau zurechtgelegt. Er ist eine Großherzogin von imposanter Statur, agiert humorvoll und ohne Übertreibung. Auch stimmlich macht Lie das prima, dröhnt kein bisschen opernhaft, sondern singt wendig und mit einem Schuss Kabarett. Warum er allerdings den Text weitgehend in seiner Muttersprache Norwegisch vortragen muss, die dann von Baron Puck (Tijl Faveyts), einem der Hofschranzen, übersetzt wird, erschließt sich nicht.

Unter der Leitung von Alevtina Ioffe, kurzfristig für James Gaffigan eingesprungen, erzeugt die reduzierte Instrumententruppe einen entschlackten Offenbach-Sound, auch Tempo und Timing stimmen. Nur klappt es nicht immer mit der Koordination zwischen Orchestergraben und Bühne. Der Abend spart nicht an Gags, er nimmt den Krieg in trashigen Revueszenen und mit viel verstärktem Geballere aus dem Off auf die Schippe. Gleichwohl ist er nicht ganz rund, mancher Witz nutzt sich durch Wiederholung ab und auch an der Aussprache könnte noch gefeilt werden. Gelegenheit zur Optimierung bietet die nach dem Lockdown geplante Wiederaufnahme.

Karin Coper

„La Grande-Duchesse de Gérolstein“ („Die Großherzogin von Gerolstein“) (1867) // Opéra bouffe von Jacques Offenbach

Einsamkeitstheater einer Virtuosin

Berlin / Komische Oper Berlin (September 2020)
Dagmar Manzel in symbolistischer Parforce-Tour „Pierrot Lunaire“

Berlin / Komische Oper Berlin (September 2020)
Dagmar Manzel in symbolistischer Parforce-Tour „Pierrot Lunaire“

Zur Eröffnung der neuen Saison präsentiert die Komische Oper Berlin den dreiteiligen Abend „Pierrot Lunaire“ mit Dagmar Manzel als alleiniger Protagonistin. Man könnte meinen, dass diese Produktion als Antwort auf Corona in den Spielplan aufgenommen wurde, doch Hausherr und Regisseur Barrie Kosky betont in seiner Premierenansprache, dass sie bereits vor vier Jahren konzipiert wurde, als an das Virus noch nicht zu denken war. Nun passt das Programm in seiner Reduziertheit und Konzentration auf eine Person haargenau in ein Theater der Abstände und hygienebedingten Einschränkungen. Die Solo-Performance, die 75 pausenlose Minuten dauert, kombiniert die beiden Monodramen „Nicht Ich“ und „Rockaby“ von Samuel Beckett mit Arnold Schönbergs „Pierrot Lunaire“. Minimalistisch beschränkt sich die Ausstattung von Valentin Mattka auf ein paar Möbelstücke, sparsam sind Koskys Regieanweisungen. Denn es braucht kein Beiwerk angesichts der raumfüllenden Präsenz und Ausdruckskraft von Dagmar Manzel.

Den Auftakt bildet „Nicht Ich“. Aus dem schwarzen Vorhang sticht allein ihr grell angeleuchteter Mund hervor. Satzfetzen und scheinbar zusammenhanglose Worte quellen aus ihm hervor. Was sie bedeuten, ist nur zu erahnen, doch spricht Verzweiflung und Panik aus ihnen. Es ist meisterhaft, wie die Schauspielerin den Redefluss kristallklar artikuliert, strukturiert und Kontraste zwischen Schrei und Stille schafft. Es folgt „Rockaby“, der Monolog einer sterbenden Frau. Jetzt sitzt Dagmar Manzel, gekleidet in ein langes schwarzes Gewand, in einem Schaukelstuhl und wippt fast ununterbrochen, während aus dem Off ihre Stimme eingespielt wird. Ruhig, fast monoton trägt sie die letzten Gedanken vor, die sich in ihrem steten eintönigen Fluss radikal vom nervösen Gestammel von „Nicht Ich“ abheben.

In dem von Arnold Schönberg vertonten Gedichtszyklus „Pierrot Lunaire“, der um rätselhafte Erlebnisse und schwebende Gemütszustände des traurigen Clowns kreist, lässt Kosky die alte Dame zum Kind werden. Im Matrosenanzug, einen Teddybären im Arm, schiebt Dagmar Manzel ein Bett auf die Vorderbühne, das mal als Hort der Sicherheit, mal als Ort des Schreckens dient. Die Stimmvirtuosin reizt alle Schattierungen des Sprechgesangs für diese symbolistische Gefühlswelt aus, findet für jede Strophe eigene Facetten und kann sich dabei auf die behutsame Begleitung durch die fünf Instrumentalisten unter der Leitung von Christoph Breidler stützen.

Am Ende, wenn das Licht allmählich erlischt, wird der Mund aus „Nicht Ich“ noch einmal sichtbar. Doch diesmal bleibt er stumm, man sieht nur noch Lippenbewegungen. Ein Kreislauf hat sich geschlossen. Dann brandet ehrfürchtiger Applaus für eine anbetungswürdige Singdarstellerin auf, deren Parforce-Tour man gebannt und fasziniert verfolgt hat. Leichtgewichtiger soll es weitergehen, so Barrie Kosky anschließend, und er kündigt zur Aufmunterung Offenbachs „Großherzogin von Gerolstein“ an.

Karin Coper

„Pierrot Lunaire – Drei Monodramen“ // Melodram op. 21 (1912) von Arnold Schönberg sowie „Nicht Ich“ (1972) und „Rockaby“ (1981) von Samuel Beckett