Oper Halle • Das Spielwerk und die Prinzessin Schrekers Oper als Gesamtkunstwerk
Pünktlich zum 20-jährigen Jubiläum der Staatskapelle Halle, die aus der Fusion von Philharmonie und Opernorchester hervorging, erklingt unter ihrem Generalmusikdirektor Fabrice Bollon Franz Schrekers äußerst selten gespielte Oper „Das Spielwerk und die Prinzessin“. Für Nele Lindemann ist es die erste Opernregie überhaupt – und, um es gleich zu sagen, trotz großer Herausforderungen ein ebenso großer Erfolg. Zana Bosnjak ist für die ebenso lebhafte wie facettenreiche Ausstattung verantwortlich und mit Piero Glina zusammen auch für die bisweilen das Geschehen zu sehr beherrschenden Videos. Henrik Aleith führte die Kamera, Michal Sedláček sorgt für eine fantasievolle Choreografie.
Schreker arbeitete zwischen 1908 und 1912 an seinem Werk, nachdem er zunächst einen Zeitungsartikel über einen greisen, berühmten Violinvirtuosen gelesen hatte, der in ein armes Dorf zurückkehrt und den Bewohnern vorspielt. Damit verband er einen Sommerabend im Wiener Grinzing, wo er auf einem großen rauschhaften Fest war, die Menschenmenge aber plötzlich in Panik ausbrauch und alles in einer Katastrophe endete – ähnlich wie dann in seiner Oper, die 1913 gleichzeitig in Frankfurt und Wien ihre Uraufführung erlebte. Klangzauber und Massenbewegung, Verheißung und Gefahr sowie Fest und Absturz auf die Bühne zu bringen ist nahezu ein Kunststück. Es gelingt dem Regieteam mit sehr guten Sängerdarstellern und einem äußerst präsenten Chor (Einstudierung: Frank Flade) – und das bei vollem Haus!
Meister Florian arbeitet an einem geheimnisvollen Spielwerk, das die Menschen in positivem wie negativem Sinne beeinflussen kann und damit in Grenzsituationen bis zum totalen Kontrollverlust bringt. Man denkt sofort an die Sozialen Medien, an Algorithmen und natürlich an KI. So sehen viele in ihm einen Hexenmeister, der zudem noch die von ihm verstoßene Liese zurückweist, als sie ihn um Hilfe für den sterbenden gemeinsamen Sohn bittet. Die Prinzessin ist krank und sehnt sich nach einem rauschhaften Fest, in dem Klang, Ekstase und Tod ineinander fallen. Ein wandernder Bursche träumt von ihr und gewinnt ihre Nähe, sodass sie mit ihm fliehen will. Das Spielwerk beginnt erneut zu wirken und versetzt das Volk in eine kollektive Ekstase. Die Oper endet wie Schrekers Erlebnis in Grinzing in einer Apokalypse.
Thomas Weinhappel ist ein äußerst engagierter, charismatischer und stimmgewaltiger Florian mit klangvollem Bariton. Franziska Krötenheerdt spielt eine von der Krankheit gezeichnete Prinzessin mit facettenreichem Sopran. Chulhyun Kim gibt den Burschen mit kraftvollem Tenor, Yulia Sokolik die Liese hochemotional mit ihrem starken Mezzo.
Schrekers Musik spiegelt die ausgehende Spätromantik wider, weist aber auch schon auf die Moderne hin. Verschiedene Klangwelten treffen aufeinander und finden laut GMD Bollon doch zu einem Zusammenhang, der das Werk trägt. Manchmal klingt der späte Wagner an, auch Richard Strauss ist zu hören. Schreker folgt mit dieser Oper Wagners Vorstellungen des Gesamtkunstwerks, zumal er selbst das – allerdings nicht leicht verständliche – Libretto verfasste. Die Staatskapelle Halle jedenfalls spielt in Hochform.
Dr. Klaus Billand
„Das Spielwerk und die Prinzessin“ (1913) // Oper von Franz Schreker
