Ein Beweggrund für Opernintendantin Rebekah Rota, die selten gespielte Oper „The Lodger“ auszugraben, war sicherlich ihr Bestreben, den Werken verkannter moderner Komponistinnen Gehör zu verschaffen. Zu diesen Vergessenen gehört auch Phyllis Tate (1911-1987), die in vielen Genres von Orchesterwerken über Kammermusik, geistliche Musik, Klaviersonaten bis hin zu Operette und Oper experimentierte.

Allein die erste Szene von David Franklins ausuferndem Libretto zu „The Lodger“ (basierend auf dem gleichnamigen Roman von Marie Adelaide Belloc Lowndes) hätte der Komponistin zufolge musikalisch vertont ganze acht Stunden lang gedauert. Nach drei Jahren intensiver Zusammenarbeit gelang es ihr und Franklin, die Oper in der verträglichen Länge von 2 ¼ Stunden zu vollenden und 1960 auf die Bühne zu bringen. Hätten sie sich schon damals an der äußerst intensiven Erzähltechnik von Hitchcock orientiert, wäre vielleicht eine dem Stoff angemessene einaktige Kammeroper dabei herausgekommen. So aber stellt „The Lodger“ auch heutige Regieteams vor die Herausforderung, den Spannungsbogen der Geschichte straff zu halten und mit Musik und Gesang in Einklang zu bringen.

Gleich zu Beginn, als zur Ouvertüre wie in alten Stummfilmzeiten ein Schwarz-Weiß-Vorspann über eine Leinwand flimmert, erinnert Tates Komposition an Filmmusik, die sowohl Atmosphäre schafft als auch Spannung erzeugt. Kann der fast durchgängig rezitativische Gesang aber auch die – vor dem Hintergrund der Suche nach dem Serienkiller „Jack the Ripper“ im viktorianischen London des Jahres 1888 spielende – Geschichte nachvollziehbar und fesselnd erzählen?

Alysons Cummins „altmodisches“ Bühnenbild eines aufgeklappten Hauses mit zwei übereinanderliegenden Zimmern entführt uns in das Heim des Ehepaars Emma (Edith Grossman) und George Bunting (Andrew Nolen), die gerade das ehemalige Kinderzimmer ihrer Tochter Daisy (Marianna Ortugno) an einen mysteriösen Fremden vermietet haben. Als Daisys Verehrer, der Polizist Joe (Merlin Wagner), von der vergeblichen Suche nach dem Serienkiller erzählt und Emma Blut am Mantel des Lodgers (Untermieters) entdeckt, ahnt sie, dass er vielleicht der Gesuchte ist. Doch sie sieht in dem offenbar psychisch gestörten Mann eher einen Hilfebedürftigen als einen skrupellosen Killer. Und so entwickelt sich eine verstörende Nähe zwischen den beiden …

Jetzt stößt die Musik von Tate allerdings an ihre Grenzen: Sie ist kaum singbar, findet keine Arien oder Duette, die zur Psyche und Beziehung der Charaktere passen. Grossmans allzu ausgestellter Mezzosopran bleibt textunverständlich in den Höhen hängen, Nolens an sich wohlklingender Bass ereilt das gleiche Schicksal in den Tiefen und auch Wilsons warmer Bariton bringt keinen Mehrwert für das Zusammenspiel der Protagonisten. Hier wäre intensives Schauspiel vonnöten und kein vor sich hin Gesinge. Marianna Ortugno bleibt da mit ihrem hellen, mädchenhaften Sopran genauso wie Merlin Wagner mit seinem klaren Tenor etwas nachhaltiger im Ohr hängen. Zu wenig für eine „Ausgrabung“, von der man einiges erwartet hatte.

Rolf-Rüdiger Hamacher

„The Lodger“ (1960) // Oper von Phyllis Tate

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