Oper Leipzig (Musikalische Komödie) • Der Waffenschmied Lortzing auf dem komödiantischen Siedepunkt
Mitarbeiter gesucht, Investoren willkommen, miese Bilanzen. Im mittelständischen Betrieb von Hans Stadinger knirscht es. Der Kapitalismus offenbart seine dreiste Fratze, nun will ein prosperierender Konkurrent auch noch die Tochter des Handwerker-Meisters ehelichen. Ein Unding. Doch Marie ist selbstbewusst und klug, trickst alle aus und bekommt, was sie will, inklusive Gemahl und Vaters Betrieb. Ein ganz und gar heutiger Stoff, aber da gibt es ebenso irritierende Adlige und ein paar unzeitgemäße Verwicklungen. Insofern trifft die betagte Oper „Der Waffenschmied“ auf die moderne Lesart der Regisseurin Sonja Trebes. Albert Lortzing komponierte das Werk 1846, nun zeigt es die Musikalische Komödie Leipzig als frisch geputzten Beitrag zum aktuellen Festival „Lortzing 26“.
Sonja Trebes hat die Dialoge entstaubt und schickt das wendige Ensemble mit Verve durch einen Parcours mit Karl Marx und Alice Schwarzer im Gepäck. Das geht nicht immer hundertprozentig auf, erweist sich jedoch in summa als cleverer Kniff, der Unterhaltung und Nachdenklichkeit vereint. „Krieg den Palästen“ prangt auf Plakaten, Marie vollzieht einen bravourösen Emanzipationsakt und der oft grantelnde Stadinger singt ergreifend von der Utopie einer friedlichen „Köstlichen Zeit“ jenseits kapitalgesteuerter Prozesse. Dabei wollte Graf von Liebenau, ein Wirtschaftsmogul, als Inkognito-Geselle beim Waffenschmied eigentlich nur die Tochter seines Chefs bezirzen. Im Finale steht der Entlarvte wie ein Depp da, während seine frisch gebackene Gattin mit Zigarillo im Mund das Zepter übernimmt.
Aufgesetzt wirkt die Sache keineswegs, denn Lortzing hatte durchaus revolutionäre Ideen mit großem Herz fürs Bürgerliche und Feminismus. Die Regisseurin prononciert den Faden konsequent, zieht ihn in die Gegenwart. Abgesehen von kleinen Tücken eine stringente Interpretation, die das schlichte Bühnenbild von Dirk Becker und Ute Meenens passgenaue Kostüme unterstreichen. Wenn es trivial zu werden droht, schubst Trebes als Garnierung glitzernden Operetten-Flitter plus choreografischer Garnierung (Mirko Mahr) auf die Bretter. So entsteht eine ironische Fallhöhe mit Esprit. Uwe Schenker-Primus als Stadinger, die kecke Marie von Elissa Huber, Martin Häßler (Graf von Liebenau), Kathrin Göring als dralle Irmentraut, Felix Lodel (Ritter Adelhof), Andreas Rainer (Brenner) und vor allem Sven Hjörleifsson als herrlich naiver Georg treiben die Oper stimmstark und hoch präsent genüsslich zum komödiantischen Siedepunkt.
Im Gegensatz zu Beethoven vermeidet Lortzing kämpferische Attitüden. Seine Musik perlt süffig und geschmeidig, die Partitur erinnert eher an Mozart oder Offenbach. Michael Nündel am Pult des Orchesters der Musikalischen Komödie nuanciert das Kolorit exakt, betont den leichtfüßigen Klang, befreit die turbulente Spieloper gleichermaßen vom Biedermeier-Mief und Klamotten-Zuschnitt und fügt sich damit mit Finesse ins Konzept. Großer Beifall.
Jürgen Rickert
„Der Waffenschmied“ (1846) // Komische Oper von Albert Lortzing
