Medusa – im kollektiven Gedächtnis die Frau mit der Schlangenfrisur, die Angst und Schrecken verbreitet. Männer erstarren zu Stein, wenn sie ihr ins Gesicht blicken, und selbst ihr abgeschlagenes Haupt ist noch als Waffe einsetzbar. Jetzt ist sie der Mittelpunkt in der neuen Oper des britischen Komponisten Iain Bell, für die Regisseurin Lydia Steier auch das Libretto verfasst hat.

Der reichlich zwei Nettostunden dauernde Abend entführt in eine abstrakte archaische Welt. Die Bühne von Flurin Borg Madsen besteht aus zwei Spielflächen, die von neun schwarzen Gestalten ständig in Bewegung gehalten werden – sie können eine Insel imaginieren. Dort lebt Medusa mit ihren unsterblichen Schwestern, der fürsorglichen Euryale (Paula Murrihy) und der eher beherzten Stheno (Angela Denoke). Im Tempel der Athene passiert das Unglück, das Medusa und ihr Leben radikal verändert. Die naive, blutjunge Frau wird ausgerechnet dort vom Meeresgott Poseidon vergewaltigt. Konstantin Gorny tritt ganz offensichtlich als der exemplarische weiße alte, vor allem aber skrupellose Mann schlechthin auf.

Diese Gewalttat hebt Bell durch rohe Zuspitzung aus dem sinnlichen Wogen seiner Musik heraus. Auch der darauffolgende fulminante Auftritt der Göttin Athene prägt sich ein. Wie ein Standbild lässt Mary Elizabeth Williams aus großer Höhe ihre Racheflüche auf die verängstigten, goldgewandeten Priesterinnen herniedergehen. Weil sie die Schändung ihres Tempels nicht verhindert haben, schlägt sie die Hohepriesterin (Anu Komsi) mit Wahnsinn und die anderen mit Blindheit. Medusa aber beraubt sie ihrer Weiblichkeit und macht sie zum abstoßenden und todbringenden Monster. Allein ihre beiden Schwestern stehen ihr bei. Sie bleiben bei ihr zwischen all den zu Stein erstarrten Männern, die der ohne eigene Schuld zur Täterin gewordenen Medusa zum Opfer gefallen sind. Erst Perseus kommt ihr in Gestalt von Josh Lovell auch menschlich nahe und erkennt hinter ihrer grauenvollen Fassade den tiefverletzten Menschen. Gekommen, um Medusa zu enthaupten, schreckt er davor zurück und führt seine Tat erst aus, als sie ihn darum bittet, auf diese Weise von Athenes Fluch erlöst zu werden.

Michiel Delanghe gelingt es mit dem Orchestre symphonique de la Monnaie, die aufwühlende Spannung der klug gebauten und Orchester und Stimmen organisch verbindenden Musik überzeugend zu halten. Claudia Boyle führt als idealtypische, intensiv gestaltende Medusa das exzellente Protagonisten-Ensemble dieser packenden und einhellig bejubelten Uraufführung an.

Roberto Becker

„Medusa“ (2026) // Oper von Iain Bell

Infos und Termine auf der Website von La Monnaie/De Munt

Kostenfreier Stream von 15. Mai bis 15. November 2026 auf OperaVision