Oper Frankfurt • Bluthochzeit Fortners lyrische Tragödie – ein Operndrama aus dem Vor-Franco-Spanien
Das literarische Schaffen von Federico García Lorca (1898-1936) rückt immer wieder zerrüttete Familienkonstellationen in den Mittelpunkt. Unaufgearbeitete Schuldkomplexe, Traumata, Vorwurfshaltungen und gegenseitige Abwertungen ziehen sich durch seine Geschichten aus dem Spanien am Übergang einer erstarrten Monarchie in die Neuzeit. Wobei der republikanisch gesonnene Autor anprangernde Kritik übt an der in ihren Sitten und Gebräuchen gefangenen Gesellschaft, die sich im innerfamiliären Dialog zwischen den Generationen herb und empathiearm, außerhalb der Familie jedoch zusammenhaltend bis zur Blutrache erweist. Das stellt auch den Hintergrund zu seinem von Wolfgang Fortner 1957 vertonten Drama „Bluthochzeit“.
Im Mittelpunkt der Handlung steht die verhärmte Mutter. Sowohl ihr Mann als auch einer ihrer beiden Söhne sind infolge einer Familienfehde bei Messerstechereien zu Tode gekommen, der noch lebende Sohn ist im Begriff, zu just dieser blutrünstigen Familie Felix wieder in Beziehung zu treten. Er will eine Braut heimführen, die zuvor schon einmal mit dem jungen Leonardo Felix liiert war, diese Verlobung dann aber gelöst hatte. Felix ging eine andere Ehe ein, wurde Vater, ohne jedoch sonderlich starke Liebesgefühle für Frau und Kind aufzubringen. Zu sehr nagt die verletzte Mannesehre, zu stark sind noch die Empfindungen für das Mädchen, das ihn verließ. Am Tag der Hochzeit entführt er die Braut in einen Wald. Der aufgebrachte Bräutigam verfolgt die beiden, holt sie ein, die beiden Männer bringen sich gegenseitig um. Und drei Frauen bleiben, einsam trauernd, zurück.
Fortners Verständnis von Musiktheater leitet sich deutlich von den beiden Opern Alban Bergs her, hinsichtlich der strengen Umsetzung des Sprachrhythmus auch von Leoš Janáček. Das Orchester ist groß besetzt, verlangt alleine acht Schlagzeuger, verzichtet jedoch auf Hörner. Das macht das Klangbild herber, paassend zu Lorcas Spanien-Ambiente. Zu diesem tragen auch Instrumente aus der spanischen Volksmusik wie Kastagnetten oder Gitarren bei, die allerdings nur als punktuelle Farbträger aufleuchten. Wie auch die anderen Einsprengsel aus originalen altspanischen Liedern, die Lorca gemeinsam mit Manuel de Falla einst herausgegeben hatte.
Dirigent Duncan Ward leitet souverän das sowohl im Graben als auch hinter der Bühne hoch präsente Frankfurter Opern- und Museumsorchester und hat optimales Gespür für Fortners Tonsprache zwischen herber Dramatik und filigraner Transparenz, wenn sich sinfonisch kompakte Orchesterblöcke in fein gewobene Klanggespinste auflösen und sich aus der Verbindung zwischen gesungenem und gesprochenem Wort spannungsvolles Miteinander ergibt. Denn in der vom Komponisten zugrunde gelegten Singspielform löst sich Lorcas Text immer wieder aus der Musik heraus, verbinden sich Gesang und Sprache zu faszinierender Einheit.
Der Frankfurter Aufführung verhilft die exzellente Ensembleleistung zu lebhaft akklamiertem Erfolg. Herausragend dabei: Claudia Mahnke als Mutter, eine Tragödin, die vor allem im dramatisch sich zuspitzenden zweiten Teil zur Hochform aufläuft. Bezwingend auch das Duett zwischen Leonardo (Mikołai Trạbka) und der unglücklicherweise von ihm begehrten Braut (Magdalena Hinterdobler). In den kleineren Partien fallen die Fortner-opernerfahrene Karolina Makuła (Magd), die dramatisch deklamierende Daniela Ziegler (Tod) und der volumenstarke Tenor AJ Glueckert (Mond) auf. Àlex Ollé inszeniert das Drama im sinnfällig düsteren Bühnenbild (Alfons Flores) und den in strenger Schwärze gehaltenen, perfekt stilisierenden Kostümen (Lluc Castells) mit dichter Personenführung stringent und eindringlich.
Dr. Jörg Riedlbauer
„Bluthochzeit“ (1957) // Lyrische Tragödie von Wolfgang Fortner
