Staatsoper Hannover • Die tote Stadt Eine eigenwillige Sicht auf Korngolds Stück
Die Staatsoper Hannover setzt mit der Premiere der „Toten Stadt“ einen weiteren Glanzpunkt in der generell bemerkenswerten ersten Spielzeit von Intendant Bodo Busse. In glücklichem Zusammenwirken von Dirigent Mario Hartmuth, Regisseurin Ilaria Lanzino und Bühnenbildner Martin Hickmann wird der Abend zum mit Beifallsstürmen gefeierten Ereignis.
Grundlage ist die komplexe spätromantische Partitur des seinerzeit erst 23 Jahre alten Erich Wolfgang Korngold. „Es ist eines dieser Werke, bei denen man einfach nie damit fertig wird, Dinge zu entdecken und zu begreifen“, meint Dirigent Hartmuth. Beeindruckend entfaltet er den Klang des riesig besetzten Orchesters zwischen kammermusikalischen Passagen, großen Melodiebögen und geradezu rauschartigen Tuttiwellen. So wird der Klangkörper facettenreich zum Spiegel und Kommentator der psychologischen Ereignisse auf der Bühne.
Erzählt wird die Geschichte von Paul, der verfangen in einer Symbolwelt zwischen Traum und Wirklichkeit den Tod seiner Ehefrau Marie nicht begreifen will – in Hannover hat sie sich selbst umgebracht. Dann begegnet Paul der lebenslustigen, mal handfest und mal kokett auftretenden Tänzerin Marietta, die seiner Frau zum Verwechseln ähnlich sieht. In Lanzinos Inszenierung erweisen sich beide letztlich als die gleiche Person. In Mariettas Verhalten entdeckt Paul schmerzlich Seiten seiner Frau, die er nicht sehen wollte. Diese Realität hält er nicht aus und nimmt sich am Schluss das Leben. Das allerdings ist eine etwas eigenwillige Veränderung durch die Regie. Im Original verlässt Paul Brügge, das als „Tote Stadt“ – in der Vergangenheit verharrend – ein Symbol für sein starres Trauern war.
Die Geschichte ist eingebettet in ein Szenario, dessen Aktionen und Reaktionen von Sigmund Freuds psychoanalytischen Erkenntnissen bestimmt zu sein scheinen. Großflächige Videos mit KI-erzeugten assoziativen Filmen zu Pauls, Maries und Mariettas Beziehung bilden traumverlorene optische Kommentare zum Bühnengeschehen, manchmal auch mit surrealen Moor- und Feuerbildern kombiniert (kreatives Videodesign: Max Schweder).
Davor gestalten Mirko Roschkowski als Paul, Kiandra Howarth als Marie/Marietta, Peter Schöne als Pauls Freund Frank und Anthea Barać als Haushälterin Brigitta beeindruckende seelische Momente. Roschkowski gibt mit seiner hohen belcantischen Stimmkunst Pauls Weg in den seelischen Abgrund erschütternden Ausdruck. Kiandra Howarth wechselt janusköpfig mit ihrer in allen Lagen frei strömenden Stimme minutenschnell von einer Persönlichkeit zur anderen. Wie Satelliten begleiten sie dabei zwei gleich aussehende Mädchen, die Altersstufen ihrer Rollen symbolisierend. Und irgendwann sehen alle Frauen und Mädchen auf der Bühne aus wie Marie/Marietta, einschließlich des stimmlich präsenten Opern- und des bestens vorbereiteten Kinderchores: eine thematische Verschiebung vom traditionell als Hauptakteur gesehenen Paul zum Blick auf die weibliche Identitätsfindung.
Das Libretto, einst vom Komponisten gemeinsam mit seinem Vater Julius Korngold verfasst, sieht eine Fülle von Nebenrollen und Statisten vor, die alle mit stimmlichem und schauspielerischem Niveau besetzt sind. Gut, dass dieses Werk 106 Jahre (!) nach der Uraufführung nun endlich seinen Weg nach Hannover gefunden hat – es hat sich mehr als gelohnt.
Claus-Ulrich Heinke
„Die tote Stadt“ (1920) // Oper von Erich Wolfgang Korngold
