Berliner Operngruppe • Fior d’Alpe Eine tolle Wiederentdeckung mit Passion und innerem Feuer
Die deutsche Erstaufführung von „Fior d’Alpe“ ist ein ebenso großer Wurf des einmal im Jahr mit einer Rarität auftretenden Projektensembles Berliner Operngruppe wie Mascagnis „Zanetto“ und vor drei Jahren die Uraufführung von Donizettis „Dalinda“, eine Zensurfassung von „Lucrezia Borgia“. Der Franchetti-Experte Helmut Krausser hatte mit dem Komponisten Torsten Rasch das im Zweiten Weltkrieg vernichtete Aufführungsmaterial der 1894 an der Mailänder Scala uraufgeführten Oper rekonstruiert.
Es ist bewundernswert, wie das Orchester von Mal zu Mal an seinen Aufgaben wächst, dabei einen individuellen Klang aus warmem Leuchten und mit dichtem Fundament entwickelt. Das gerät zu einer idealen Empfehlung für den aus einer reichen jüdischen Familie stammenden und wegen des Aufführungsverbots unter Mussolini vereinsamt gestorbenen Alberto Franchetti (1860-1942). Dieser zeigte in seinen Opern weitaus mehr Experimentierlust und Vielfalt als der ihn nach 1900 an Vorstellungszahlen überrundende Puccini. Auf die nächste Überraschung der Berliner Operngruppe, welche am 4. Mai 2027 an gleichem Ort erklingen wird und das Werk einer Ende des 19. Jahrhunderts gar nicht so unbekannten Komponistin präsentiert, kann man sich freuen.
„Fior d’Alpe“ offenbart weniger Bezüge auf Wagner als zum späten Verdi, vor allem aber zur ebenfalls im Alpenraum spielenden und nur zwei Jahre älteren „La Wally“ von Alfredo Catalani. Franchettis in den Alpen aufgewachsene Waise Maria entpuppt sich wie Donizettis „Regimentstochter“ als Adelige. Sie will bei ihrem standesgemäßen Gatten Alfredo in der Stadt den mehr als Mann denn als Ziehbruder geschätzten Paolo nicht vergessen. Paolo stirbt, als er Alfredo in den Napoleonischen Freiheitskriegen mit seinem eigenen Körper schützt und so erschossen wird.
Auf fast rauschhafte Melodie-Steigerungen setzte Franchetti wie Catalani heftige deklamatorische Phasen. Ländlerhafte Andeutungen und im Gegensatz zu den Seelenlagen idyllische Naturschilderungen schlüpfen aus dem Orchestersatz – von den Solobläsern des Beginns bis zu kühl schwelgenden Streicherflächen. Am Pult entfesselt Felix Krieger, langjähriger Spiritus rector der Operngruppe, Franchettis Alpenrausch überwältigend. Tabatha McFadyen (Szenische Einrichtung) nutzt auch alle Ränder des Orchesterpodiums für eine sinnfällige Darstellung des gut nachvollziehbaren Geschehens.
Eduardo Niave setzt als Paolo kräftige und schmelzende Tenor-Töne. Krešimir Stražanac als Vater Graf und Irakli Pkhaladze als Gatte sind sanglich fachgerechte Mustermänner. Sandra Laagus und Hanseong Yun geben sympathische Zieheltern. Mit María Belén Rivarola als Maria ist endlich wieder einmal eine echte Spinto-Sopranistin zu hören. Emotional gestaltet sie ihre zahlreichen Soli und setzt in der Höhe aparte wie exzellente Schärfen. Frenetischer Applaus im vollen Konzerthaus am Gendarmenmarkt – einmal mehr bietet das Ensemble italienische Oper vom Allerfeinsten!
Roland H. Dippel
„Fior d’Alpe“ („Die Alpenblume“) (1894) // Oper von Alberto Franchetti, rekonstruiert von Helmut Krausser und Torsten Rasch
