Stadttheater Gießen • The Rake’s Progress Strawinskys Oper auf reduzierter Bühne
Das Libretto zu Strawinskys einziger abendfüllender Oper schickt den titelgebenden „Rake“, einen arbeitsscheuen Filou, durch eine Laufbahn („Progress“), die ihn nach einem ebenso ausschweifenden wie erfolglosen Lotterleben in ein „Madhouse“, also ein „Irrenhaus“ führt. Die Gießener Produktion benutzt die weniger diskriminierende Formulierung „Psychiatrie“. In der Regie von Max Koch befindet sich Tom Rakewell schon zu Beginn dort und beschäftigt sich auf einer Plattform über dem Orchestergraben mit zwei Gliederpuppen. Eine davon ist mit transparentem, blauem Stoff als weiblich gekennzeichnet, die andere lässt sich männlich lesen – offenbar ein Paar. Auf der eigentlichen Bühne (Anna Brandstätter), die außer aus dem Schnürboden herunterfahrbaren, ebenfalls transparenten Lamellen keine Kulissen kennt, agieren die Darsteller in schlichter, aktueller Kleidung mit ebenfalls transparenten Stoffüberwürfen: Die Puppen auf dem Vorbau werden hier gespiegelt, die Handlung so als Wunschvorstellung – besser: Wahnvorstellung – der Titelfigur markiert, die von Ferdinand Keller agil, darstellerisch differenziert und mit herb timbriertem Tenor gegeben wird.
Für Tom dreht sich alles um eine imaginierte „wahre Liebe“, die hier ja auch tatsächlich Anne „Trulove“ heißt. Annika Gerhards leiht der Figur ihren koloratursicheren, aber für diese Rolle bereits ein wenig zu dramatischen Sopran. Gekleidet ist sie wie die weibliche Puppe in ein transparentes blaues Kleid. Zudem trägt sie eine blonde Perücke. Genauso ausstaffiert ist die „Türken-Baba“ (Marta Świderska mit farbigem und höhensicherem Mezzo), im Original als bärtige Frau eine Jahrmarkts-Attraktion und ein groteskes Gegenbild zu Anne, hier aber im gleichen blauen Kleid und der gleichen blonden Perücke lediglich eine Dopplung der Wunschvorstellung. Neben dem nüchternen Bühnenbild nimmt das dem Stück gerade im ersten Teil seinen karikaturhaften Charakter – immerhin beruht die Handlung auf einem Kupferstich-Zyklus aus dem 18. Jahrhundert. Im zweiten Teil wird der dem Stück eigene satirische Humor deutlicher ausgespielt, etwa in der köstlichen Auktionsszene, wo der präsente und klangstarke Chor, angeführt von Rhydian Jenkins (Sellem) mit frischem Tenor, als Ansammlung synchron agierender Automatenpuppen aus dem Bühnenboden heraufgefahren wird. Die (un)heimliche Hauptfigur ist der Teufel („Nick Shadow“), der Tom listig zu ruinöser Ausschweifung verführt, am Ende in einem Kartenspiel um dessen Seele zwar den Kürzeren zieht, ihn aber aus Rache zum Wahnsinn verflucht. Clarke Ruth ist hier mit kernig-schlankem Bassbariton in seinem Element, chargiert nicht und wirkt mit lauernder Geschmeidigkeit umso glaubhafter.
Die reduzierte und stilisierte Optik wird aus dem Orchestergraben von einem umso farbigeren Sound kontrastiert. Andreas Schüller lässt sein Orchester schnörkellos klar und mit rhythmischem Drive musizieren. Dass im Epilog schließlich alle Darsteller (außer Tom) aus den Rängen des Zuschauerraums heraus trocken-humorig die Moral von der Geschicht’ singen, passt zwar nicht ins Psychiatrie-Konzept der Regie, bindet den Abend aber wirkungsvoll ab.
Dr. Michael Demel
„The Rake’s Progress“ (1951) // Oper von Igor Strawinsky
