Pasinger Fabrik • Die Csárdásfürstin Kálmáns Klassiker schwelgt in nostalgischem Charme
War früher alles besser? Gewiss nicht. Nehmen wir als Beispiel nur „Die Csárdásfürstin“ von Emmerich Kálmán. Die eingängigen Melodien lassen einen leicht vergessen, dass während der Uraufführung 1915 draußen längst der Erste Weltkrieg tobte. Da ist es durchaus ernst gemeint, wenn man sich im dritten Akt fragt, „wie lange noch der Globus sich dreht? Ob es morgen nicht schon zu spät?“ Aber gerade in unruhigen Zeiten ist es umso wichtiger, zwischendurch auch mal wieder ordentlich zu lachen.
Und so erlaubt sich auch die Pasinger Fabrik, die sich selbst gern als Münchens kleinstes Opernhaus tituliert, hin und wieder mal bei den Klassikern der leichten Muse zu wildern. Die intime Atmosphäre erweist sich auch jetzt wieder als Glückfall für diese spritzige Komödie. Regisseurin Franziska Reng hat ihre Kammerfassung dafür auf sechs Personen komprimiert. Das funktioniert erstaunlich gut und bietet sogar zusätzliches komödiantisches Potenzial, wenn etwa Martin Schülke neben seiner Hauptrolle als alternder Schwerenöter Feri Bácsi zwischendurch auch in die Uniform des auf Sitte und Anstand pochenden Fürsten von und zu Lippert-Weylersheim schlüpft. Eine Gratwanderung, die er ebenso souverän meistert wie Carolin Ritter, die gleich im doppelten Sinne von der Schwiegermama zur Varieté-Sängerin mutiert. Und weil Kálmán ihrer Rolle leider keine eigene Arie gegönnt hat, bekommt Ritter als kleines Trostpflaster zumindest den Lehár-Schlager „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ zu singen. Ein echter Showstopper, mit dem auch sie auf der Zielgeraden noch einmal ordentlich beim Publikum abräumt.
Titelheldin Alessia Broch muss sich da ganz schön ins Zeug legen, um ihren Diven-Status zu verteidigen. Oder besser gesagt, gleich unter Szenenapplaus in den Spagat werfen. Solche Einlagen werden ihrem Edwin, alias Kaspar Fischer-Mylenbusch, zum Glück nicht abverlangt. Doch wie das gesamte Ensemble wird auch er tänzerisch ganz schon gefordert, während er sich liebestoll durch die Tenor-Schlager des Abends knödelt.
Choreografin Riccarda Schönerstedt nutz dafür wirklich jeden Quadratzentimeter der kleinen Drehbühne, die Ausstatterin Leni Wimmer in die Wagenhalle gebaut hat. Gerade in den Varieté-Szenen ist das Publikum an den vorderen Tischen auch schon mal mittendrin statt nur dabei. Von dieser Nähe profitiert die in nostalgischem Charme schwelgende Inszenierung ungemein. Am Premierenabend zünden vor allem die Szenen des Buffopärchens. Klara Brockhaus und Philipp Gaiser machen als Stasi und Boni nicht nur stimmlich gute Figur, sie beherrschen auch die doppelbödige Mimik, durch die so manche Gags erst richtig zünden.
Für die musikalische Untermalung sorgt ein sechsköpfiges Kammerensemble unter Leitung von Andreas P. Heinzmann. Grundsätzlich steht der intime Kaffeehaus-Sound Kálmáns Operette eigentlich ganz gut zu Gesicht. Hin und wieder gibt es bei diesem reduzierten Arrangement aber trotzdem den einen oder anderen Moment, in dem man der Partitur einen etwas üppigeren Klang gewünscht hätte. Dies bleibt letzten Endes nur ein kleiner Schönheitsfleck bei diesem Operettenspaß mit Tiefgang. Denn Kálmáns Meisterwerk lebt letztlich nicht von großen Effekten, sondern davon, dass die Liebesirrungen und -wirrungen ernstgenommen werden und die Figuren so nie ins Klischee abrutschen.
Tobias Hell
„Die Csárdásfürstin“ (1915) // Operette von Emmerich Kálmán, arrangiert von Andreas P. Heinzmann und Jörg-Oliver Werner; Textfassung von Franziska Reng
