Opernbühne Maxlrain • Le nozze di Figaro Mozarts Oper als herrlich überdrehtes Liebeskarussell
Das Interieur im gräflichen Schloss verheißt nichts Gutes: ein spärlich möbliertes Zimmer, ein paar ermattete Pflänzchen, ein unbewohnter Raum. Und dann kommt Dirigentin Chariklia Apostolu, setzt sich ans Cembalo und bringt mit ihrem famosen Orchester der Opernbühne Maxlrain Leben in die Bude – mit straffen Tempi, federnd, leichtfüßig, mitreißend. Schon mitten in der Ouvertüre taucht die Gräfin auf, schnappt sich den emotional überforderten Cherubino und setzt ein dreistündiges Liebeskarussell in Gang, schwungvoll, überdreht, aber nie albern. Da wackeln und zittern die Gefühle wie die Wände des Einheitsraums, den Regisseur Andreas Wiedermann mit Gängen, Türen und Durchblicken gestaltet und fantastisch bespielen lässt. Jeder Auftritt und jeder Abgang sitzt, alle Akteure interagieren witzig, berührend, authentisch. Das ist hochprofessionelles „Menschen“-Theater ohne jede leere Geste, ohne Händeringen, ohne Chargieren.
Man mag bedauern, dass die großen Emotionen, die Mozart in seine Musik gepackt hat, nicht so zum Tragen kommen. Was auf der Bühne verhandelt wird, geht niemandem wirklich an die Substanz. Sehr pragmatisch reagiert die Gräfin auf ihren Mann, der am Handy hängt, während sie in ihrer großen Kavatine den Liebesgott bittet, sie sterben zu lassen, wenn sie die Liebe des Grafen schon nicht zurückbekommt. Karolína Plicková gestaltet die Szene (und ihre große Rolle) hinreißend, mit Emphase, leuchtendem Ton und in beiläufig-zarter Trauer. Sie weiß, was sie an ihrem Mann hat (oder eben nicht). Zum Schluss wird sie ihn lange zappeln lassen, bis sie ihm vergibt. Brett Pruunsild spielt den Grafen als etwas tapsigen #MeToo-Verdachtsfall, der seine Ehe längst abgeschrieben hat und bei Susanna nicht landen kann. Die tanzt in einer der bezauberndsten Szenen mit ihrem Figaro turtelnd über die Bühne. Die beiden umarmen und küssen sich, lösen sich voneinander, verschwinden, tauchen in einer anderen Ecke wieder auf – und der Graf muss ohnmächtig zusehen.
Gesungen wird ausnahmslos auf hohem Niveau. Auffallend der kernig-kraftvolle Bariton von Matthias Bein in der Titelrolle, der damit auch stimmlich (neben dem heller timbrierten Grafen) klarmacht, wem die reizende Susanna (Saskia Maas) gehört. Herrlich: die Marcellina alias Christa Ratzenböck als personifizierte Lebensfreude – und nicht als Knallcharge. Das Briefduett zwischen Susanna und Gräfin, sanft begleitet vom Orchester, ist ein Bad in Wohlklang. Auch der Chor der Opernbühne hat den Mozart-Sound wie selbstverständlich verinnerlicht: präzise, raumfüllend, delikat. Eine Entdeckung ist Sophie Schneider in der kleinen Rolle der Barbarina. Und als Cherubino räumt Zsófia Mózer ab: ein Teenager-Schlaks mit herrlichem Mezzo, in kurzen Hosen und mit dem ungläubig-faszinierten Blick auf die erotischen Angebote dieser Schlossgesellschaft. Dieser „Figaro“ ist ein Ensemblewunder – und ein kurzweiliges Sommervergnügen.
Michael Atzinger
„Le nozze di Figaro“ („Die Hochzeit des Figaro“) (1786) // Commedia per musica von Wolfgang Amadeus Mozart
