Der ist nicht sonderlich angriffslustig, der bemerkt, dass sich das Libretto zu Händels Oper „Alcina“ wie ein Vorwand zu Bühnen-Affekten und Theater-Effekten gelesen werden kann. Effekte in Form aufwändigen Maschinenzaubers und vieler Ballette, Affekte in Form aufwühlender Empörungs-, Eifersuchts-, Liebes-, Rache- und Schmerzensarien, da capo versteht sich. Für eine knappe Inhaltsangabe reicht zu sagen: Diese Person ist eine morgenländische Zauberin, die ihre abgelegten Liebhaber – exakt tausend an der Zahl – wahlweise in Tiere, Pflanzen oder Steine verwandelt, bis ihr der abendländische Ritter Ruggiero, verzweifelt gesucht von seiner Braut Bradamante, das infame Handwerk legt. Bis es freilich soweit kommt, durchmisst das Publikum gut drei Stunden Beziehungskiste in einem Gefühls-Irrgarten. Warum das Werk gleichwohl fasziniert? Weil ihm Händel die halsbrecherisch-wundervollsten Arien eingeschrieben hat. „Alcina“ ist ein Koloraturen-Feuerwerk höchster Ansprüche; das Opernhaus, das dieses „Dramma per musica“ auf den Spielplan setzt, reüssiert nur, wenn es auch superb-virtuose Solisten aufbieten kann.

Nun bringt es die Bayerische Staatsoper heraus und zwar – was soll man anderes schreiben – als eine 225-minütige vokale Sternstunde, darin sich das Auditorium mucksmäuschenstill verhält, hernach aber in Raserei verfällt. Endlich mal wieder – in der Titelrolle – ein junger, frischer Sopran, jener von Jeanine De Bique aus Trinidad, der – dunkel timbriert – die Töne oberhalb des Notensystems aus dem Nichts holt, aufblühen lässt und ohne Trübung ins Nichts entlässt, gleichzeitig aber bei endlos langem Atem tragfähig Körper und Substanz besitzt. Das nennt man Schweben auf Sanges Flügeln. De Bique steht die Opernwelt offen – eine Sensation. Neben ihr der Countertenor John Holiday als Ritter Ruggiero voll schlanker Wucht, Elsa Benoit (Morgana) Hörglück verströmend mit biegsamem, glitzerndem, beseeltem Sopran, Avery Amereau in persönlich gesteigerter Form als Bradamante sowie Julian Prégardien als tenorkoloraturensicherer Oronte.

Wo vokal höchster Glanz, da gleichzeitig szenische Unterbelichtung der Personenregie. Eine Oper voller Gefühlsausbrüche zu elegischem Gebärdenspiel herunterzudimmen, dazu gehört Verfrorenheit. Zweimal zerdeppert Alcina in Wut zwar Hausrat, doch das bleibt nur momentane Behauptung in ansonsten eher träger Regie (Johanna Wehner). Fein der Gedanke, dass Alcina ihre verflossenen Lover nicht in Tier, Pflanze, Fels verwandelt, sondern für ihre kunstsinnige Upperclass-Villa in vergoldete Bronzeskulpturen (Bühne: Benjamin Schönecker). Aber das reicht nicht zur szenischen Rettung des Abends, den man somit – bei aller Hochachtung vor dem historisch informiert aufspielenden Bayerischen Staatsorchester unter Dirigent Stefano Montanari – gespalten verlässt.

Rüdiger Heinze

„Alcina“ (1735) // Dramma per musica von Georg Friedrich Händel

Infos und Termine auf der Website der Bayerischen Staatsoper