Bayreuther Festspiele • Das Rheingold Eröffnet der KI-„Ring“ eine neue inszenatorische Dimension?
Zum 150. Geburtstag der Bayreuther Festspiele steht nach dem früher als gewöhnlich verabschiedeten Valentin-Schwarz-Zyklus und vor der eigentlichen Neuinszenierung 2028 ein Übergangs-„Ring“ auf dem Programm. Vergeben wurde dieser an Marcus Lobbes, Intendant der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund. Das Institut bemüht sich um Aufbau und Stärkung vielfältiger Netzwerke innerhalb der Darstellenden Künste. Lobbes verfolgt zudem das Ziel, künstlerische Forschungsprozesse im Spannungsfeld aktueller technologischer Entwicklungen für Theater- und Ausbildungsinstitutionen wie auch ein breites Publikum zugänglich zu machen. Der nur in diesem Sommer zu erlebende Ein-Jahres-„Ring“ basiert auf einem KI-gestützten Inszenierungsprinzip.
Das hört sich zuerst einmal ungewöhnlich und vielleicht auch beängstigend an, da man in Deutschland der KI ohnehin mehr als anderswo skeptisch gegenübersteht. KI nun also auch auf der Opernbühne?! Es gibt in der Tat Funktionsbezeichnungen im Regieteam, die man so zumindest auf dem Grünen Hügel noch nie gehört hat: „Künstlerisch-technische Konzeption“ (Marcus Lobbes und Nils Corte), „Digital- und KI-Storytelling“ (Roman Senkl), „Creative Code/Visual Art“ (Nils Corte und Phil Hagen Jungschlaeger). Daneben sind aber auch klassische Akteure wie ein Bühnenbildner (Wolf Gutjahr), eine Kostümbildnerin (Pia Maria Mackert) und ein Dramaturg (Andri Hardmeier) vertreten. Angesichts der Vielzahl technischer Bereiche nennt sich Lobbes nicht mehr Regisseur, sondern Kurator. Diese Funktion ist in erster Linie aus der Bildenden Kunst, beispielsweise bei Ausstellungen, bekannt. Sie bezeichnet auch keinen Künstler, sondern einen kunstbeflissenen Organisator. Aufgrund wachsender Komplexität des Kunstschaffens hat sich der Begriff aber zunehmend in anderen Bereichen des Kunstbetriebs etabliert. Das Ziel von digitalem und KI-basiertem Storytelling: dramaturgisches Denken in digitale Logiken zu überführen – um dadurch filmische Ebenen entstehen zu lassen, keine Illustrationen, sondern eigenständige Erzählinstanzen innerhalb der Inszenierung.
Nach dem Vorspiel – erfreulicherweise vor geschlossenem Vorhang – blickt man auf ein Einheitsbühnenbild mit einem Gaze-Vorhang, ein weiterer befindet sich mehrere Meter dahinter. Dazwischen stehen gut beleuchtet die Sängerinnen und Sänger in einer Gruppe, in durchaus mythisch wirkenden, gefiederten grau-bläulichen Kostümen und dazu passender Maske, alle im selben Stil. Die KI-generierten Bilder entstehen fortlaufend auf beiden Prospekten, immer wieder, aber nicht ausschließlich, im passenden Moment: Bilder von Bayreuther „Ring“-Inszenierungen der Vergangenheit, von der Uraufführung an, aber vor allem ab 1951. Das wirkt immer wieder sehr beeindruckend. Es mag ein Resultat von zu wenig Probenzeit sein – man hatte nur einen ganzen Durchlauf –, dass es zu viele und zu schnelle bildliche Veränderungen gibt und damit die an sich interessante Idee an Wirkungskraft verliert und bisweilen gar oberflächlich und vordergründig effektheischend wirkt. Hier wäre einmal mehr weniger mehr gewesen. Offenbar fehlte es an einer besseren Koordination zwischen dem Dramaturgen und dem Digital- und KI-Storytelling.
Was jedoch wunderbar hervortritt (möglicherweise als Nebeneffekt ganz ungewollt): Endlich erlebt man mal wieder die Vorrangstellung der beiden Hauptkomponenten der Oper, Musik und Gesang, in großer Einheit. Aufgrund der sehr begrenzten Aktion der Solistinnen und Solisten können sie sich voll auf den vokalen Vortrag konzentrieren. Christian Thielemann sorgt aus dem mystischen Graben für eine mustergültige musikalische Interpretation mit dem Festspielorchester – eine beglückende musikalische Einheit! Entsprechend auch der Applaus für Thielemann und die Sängerinnen und Sänger, de facto praktisch alle von Weltklasse.
Klaus Florian Vogt begeistert in seinem Rollendebüt als hochengagierter Loge. Michael Volle ist wieder ein großartiger Wotan. Anna Kissjudit singt eine klangschöne Fricka und Christa Mayer ihre bewährte Erda. Jochen Schmeckenbecher ist einmal mehr ein kraftvoller und ausdrucksstarker Alberich und Gerhard Siegel eine Luxusbesetzung als Mime. Mika Kares und Peter Rose interpretieren die Riesen erstklassig. Und alle agieren (im Gegensatz zum „Rienzi“ tags zuvor) mit perfekter Diktion!
Ein guter Anfang ist also gemacht – mal sehen, was die kommenden Abende bringen. Das KI-Konzept scheint jedenfalls seine Stärken für den „Ring“ zu haben, in dem der Mythos so bedeutsam ist.
Dr. Klaus Billand
„Das Rheingold“ (1869) // Vorabend zum Bühnenfestspiel „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner
