Es gibt durchaus gute Gründe, warum Wagners „Rienzi“ 150 Jahre lang nicht auf dem Grünen Hügel zu erleben war und auch künftig eine Ausnahme bleiben dürfte. Zum viel diskutierten Jubiläum der Festspiele ist die Programmierung aber dennoch die richtige Entscheidung. Denn kaum ein anderes Werk eignet sich besser, um die Geschichte Bayreuths – die Geschichte einer Vereinnahmung – zu thematisieren.

Nach Michel Friedmans bewegender Rede am Vormittag erhält dieser Premierenabend eine zusätzliche Ebene. Nicht primär das Werk des 27-jährigen Wagner über den römischen Volkstribun Cola di Rienzo, eine historische Gestalt des 14. Jahrhunderts, steht auf dem Spielplan, sondern die Frage, wie Demokratien kippen, wie Massen sich verführen lassen und wie charismatische Führer ihre eigene Wirklichkeit erschaffen. Genau hier setzt die Inszenierung der ungarischen Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka an – ohne moralischen Zeigefinger und mit beeindruckender Bildsprache. Nachrichtenticker laufen über riesige Bildschirme, Menschen diskutieren in Chatgruppen in seelenlosen Wohnquadern vor überdimensionalen Screens, auf denen Kanäle pausenlos harmlose Informationen verbreiten – während die reale Welt weitgehend unbeachtet ein Eigenleben bis hin zum Krieg führt. Auf den Laufbändern der TV-Stationen erscheinen Wetterberichte, Börsenkurse oder belanglose Verkehrsmeldungen, als wäre selbst der Ausnahmezustand nur noch eine Randnotiz zwischen Alltagsmeldungen.

Genau darin liegt die eigentliche Stärke dieser Produktion: Sie stellt weniger den Diktator in den Mittelpunkt, sondern die Mechanismen, die ihn hervorbringen. Fake News und digitale Echokammern machen Dynamiken sichtbar, die Massenbegeisterung erzeugen – und sie ebenso schnell wieder kippen lassen. Dass bereits in der Ouvertüre der Tod von Rienzis Bruder thematisiert wird, öffnet darüber hinaus einen diffusen psychologischen Zugang zum Protagonisten. In der Schwebe bleibt auch die ungewöhnliche Nähe zu seiner Schwester Irene. Die Regie spielt mit einer inzestuösen Spannung, die unweigerlich an spätere Geschwisterpaare Wagners denken lässt. Nichts davon wird ausgespielt – aber vieles angedeutet.

Musikalisch bleibt „Rienzi“ ein „früher Wagner“. Man hört bereits sein unverkennbares Talent, aber noch nicht die harmonische Raffinesse und kompositorische Konsequenz späterer Jahre. Vor allem die ersten beiden Akte besitzen deutliche Längen. Gerade deshalb ist der Einfall, das ausgedehnte Ballett in eine kluge Persiflage auf den Wagner-Kult selbst zu verwandeln, einer der besten Regiegedanken des Abends.

Nathalie Stutzmann hält das Orchester der Bayreuther Festspiele und dieses monumentale Werk mit beeindruckender Souveränität zusammen und widersteht dankenswerterweise der Versuchung einer künstlichen Überhöhung. Sie lässt die Partitur für sich stehen, nichts wird interpretiert, nichts kaschiert. Diese Ehrlichkeit überzeugt.

Nach seiner personellen Neuaufstellung im letzten Jahr präsentiert sich der Festspielchor in diesem anspruchsvollen Werk klanglich bemerkenswert, muss die gewohnt perfekte Einheit allerdings noch wiederfinden. Nichtsdestotrotz machen Homogenität, Textverständlichkeit und enorme Präsenz ihn zu einem der tragenden Pfeiler des Abends.

Über allem aber steht Andreas Schager mit einem wahren Kraftakt in der Titelrolle einer Oper, die Wagner selbst als seinen „Schreihals“ bezeichnete. Über Stunden stemmt er die Riesenrolle nahezu ohne Unterbrechung, bleibt selbst in den gewaltigen Massenszenen stets das Zentrum des Geschehens und überzeugt mit enormer Bühnenpräsenz. Dass diese Partie ihren Preis fordert, wird im „Gebet“ zu Beginn des vierten Aktes für einen kurzen Moment hörbar. Nicht jede Attacke ist dabei reiner Schönklang – gerade darin zeigt sich jedoch auch die extreme Belastung dieser Rolle. Nicht minder beeindruckend gelingt Jennifer Holloway ihr Adriano – jener „weibliche Offizier“, der mit glühender Intensität und großer stimmlicher Farbigkeit zu den eigentlichen Überraschungen des Abends wird – sowie Gabriela Scherers Irene, die erst in der zweiten Hälfte zur Hochform aufläuft und leider schwer textverständlich ist. Sie schafft es aber, dem Geschehen immer wieder so etwas wie eine menschliche Mitte zu verleihen.

Insgesamt trägt dieser Versuch den Stempel „Gelungenes Experiment“: Bayreuth hatte den Mut, sich einem Werk zuzuwenden, das weniger durch musikalische Vollkommenheit als durch seine historische Sprengkraft überzeugt. Genau deshalb ist „Rienzi“ in diesem Jahr am richtigen Ort – und vermutlich auch genau zur richtigen Zeit.

Iris Steiner

„Rienzi, der Letzte der Tribunen“ (1842) // Große tragische Oper von Richard Wagner in einer Fassung für die Bayreuther Festspiele 2026

Infos und Termine auf der Website der Bayreuther Festspiele

Kostenfreier Stream bis 31. Dezember 2026 in der ARD Mediathek