Salzburger Festspiele • Saint François d’Assise Romeo Castellucci und Maxime Pascal triumphieren mit Messiaens Opus magnum
Festspiele sind die Zeit des Besonderen – etwa für Stücke, die den regulären Staats- oder Stadttheater-Betrieb logistisch an seine Grenzen führen würden. In diese Kategorie fällt zweifellos auch Olivier Messiaens „Saint François d’Assise“: eines der wohl monumentalsten Musiktheaterwerke des 20. Jahrhunderts, das gerade bei den Salzburger Festspielen einen sehr speziellen Stellenwert einnimmt.
Neben konzertanten Ausschnitten mit Dietrich Fischer-Dieskau, die bereits 1985 – zwei Jahre nach der Uraufführung – an der Salzach erklangen, entwickelte sich in den 90ern vor allem die mehrfach gezeigte Inszenierung von Peter Sellars zu einer Kultaufführung der experimentierfreudigen Ära Mortier. Ein Happening, von dem jene, die damals schon dabei waren, bis heute mit verklärtem Blick schwärmen.
Umso erfreulicher ist es daher, dass die diesjährige Neuinterpretation durch den Performance-Künstler Romeo Castellucci gute Chance hat, in ähnlich mystische Sphären aufzusteigen. Denn nach einigen durchaus kontroversen Inszenierungen bei den Festspielen hat man nun definitiv das perfekte Stück für ihn gefunden. Wie so oft gefällt sich der Italiener auch hier in der Felsenreitschule im Arrangieren von symbolträchtigen statischen Tableaus. Doch bei einem religiös aufgeladenen Gleichnis wie dem „Saint François“ haben diese ja durchaus ihre Berechtigung. Castellucci gelingen da ebenso klare wie assoziationsreiche Bilder, mal kommentierend, mal zum Nachdenken anregend. Und auch das Handwerk hat in dieser Produktion goldenen Boden. Da werden von den Mönchen auf der Bühne in Echtzeit Brote gebacken oder Krüge getöpfert. Und neben einem Hund und einem Pfau wird zur Schluss-Apotheose sogar noch eine Herde Schafe über die nun mit Erde aufgeschüttete Bühne gejagt.
Dies alles würde womöglich dennoch verpuffen, wäre da nicht auch noch ein Mann wie Maxime Pascal am Pult der Wiener Philharmoniker. Er hat Messiaens epische Partitur zu jeder Sekunde der sechseinhalbstündigen Aufführung exakt im Griff und vermag das Klangbild trotz monumentaler Besetzung stets transparent aufzufächern, womit er sich das nötige Steigerungspotenzial für die erschütternden Chorszenen bewahrt. Pascal liefert so eine überaus kontrastreiche Lesart, die das Asketische ebenso betont wie die religiöse Ekstase. Damit liefert er sich dem Werk ebenso bedingungslos aus wie Titelheld Philippe Sly, der ein erschütterndes Portrait des Heiligen Franziskus zeichnet. Auf seinem Weg begleitet ihn ein durchwegs hochkarätiges Ensemble, aus dem neben fesselnden Sängerdarstellern wie Russell Braun oder dem Salzburg Veteranen Sir Willard White auch Lauranne Oliva heraussticht. Als einzige Frau darf sie in der Rolle des Engels ihren unschuldsreinen Sopran gen Himmel segeln lassen und wird dafür ebenso bejubelt wie Sly.
Sicher, für die eher kulinarisch veranlagten Adabeis mag ein Klassiker wie Bizets „Carmen“ in hochpreisiger Besetzung leichter zu verdauen sein – oder wieder einmal eine „Ariadne“, um an die Festivalgründer Strauss und Hofmannsthal zu erinnern. Rundum festspielwürdig ist in diesem Sommer aber vor allem diese in jeder Hinsicht intensive Grenzerfahrung. Ist der „Saint François“ doch der Beweis, dass sich selbst mit einem Werk der Moderne sechs ausverkaufte Vorstellungen feiern lassen, wenn man weiß, wie man es richtig präsentiert.
Tobias Hell
„Saint François d’Assise“ (1983) // Scènes franciscaines von Olivier Messiaen
