Staatstheater Braunschweig • Der FreischützBeim Braunschweiger Burgplatz-Open-Air überzeugt „Der Freischütz“ musikalisch, leidet aber unter unausgereiften Ideen
Philipp Moschitz will mit seinem „Freischütz“ „die Frauen deutlich stärker machen“. Die männliche Zusammensetzung des Kreativteams und die gezeichneten Frauenbilder widersprechen: Agathe und Ännchen freuen sich mehr blauäugig als selbstbestimmt auf die Hochzeit, die Brautjungfern geben einen kreischend-affektierten Haufen („Küsschen!“) und der weibliche, teuflische Samiel verdrängt am Ende im Brautkleid Agathe, die eifersüchtig und verzweifelt abgeht. In den seriösen Männerrollen nur gegen Ende ein deutlicher Bruch: Brünftig-trottelig bewegt der Männerchor Gewehre zwischen den Beinen Richtung Frauen, die sich ängstlich zitternd ducken. Samiel durch die Handlung führen, kommentieren und eingreifen zu lassen, würde an sich überzeugen, macht in weiblicher Besetzung aber letztlich alle Frauenrollen zu Klischees. Immerhin: Großartig dargestellt wird er von der ausdrucksstarken Lina Witte mit Witz, Leichtigkeit und feiner Mimik. Moschitz hat das Original entrümpelt und modernisiert. Die Ideen wechseln zwischen pointiert-witzig (Jugend-Lingo wie „vercheckt“, „Kotz!“ und Tinder-Dates) und ausufernd-klaumaukig (Samiel deklamiert über eine Minute nur „la-la-la-la“). Manches lenkt gar von der Musik ab, wie Agathe mit ihrem Junggesellinenabschieds-Bauchladen im Publikum während des Jungfernchors.
Matthias Engelmanns Bühnenbild gerät mit einem überdimensionierten Baum in Rot-Blau und ansteigender Dreiecksrampe im Vordergrund zum Störfaktor, der das Ensemble an die Ränder verdrängt, im Kreis gehen, am Abgrund stehen oder halbherzig den Baum beklettern lässt. Choreograf Sven Niemeyer nutzt die kreisrunde Arena, lässt acht Tänzerinnen und Tänzer als Skelette und Tiere dynamisch, fesselnd, gespenstig umherpirschen, sich unter den Brettern verstecken. Claudio Pohle sorgt mit historisierenden und modernen Elementen für eine stimmige Kostüm-Mischung zwischen schwarzen Dirndln, Lack-und-Leder-Trachten und Kunstpelzen. Samiel kommt mit rotem Hirschgeweih im hautengen rot-blauen Overall, als gefiederter schwarz-roter Todesengel oder im ausgefallenen Kleid mit Halskrause und Schleier. Weniger verständlich: das trutschige weiße Glitzer-Hochzeitskleid mit tellergroßen pastellfarbenen Blumen und Blumen-Helm.
Darstellerisch und musikalisch ist der Abend eine Freude: Friedrich Praetorius entlockt dem Orchester eine wundervolle Präzision in allen Registern. Als Max brilliert Marius Pallesen mit klarer Stimme und wandlungsfähigem Timbre, das mitreißend seine Gefühlswelt hörbar macht. Dorothea Herbert verkörpert Agathe mit hingebungsvollem Sopran, Marie Maidowski verleiht Ännchen mit ihrer glasklaren Stimme etwas Unschuldig-Reines – zusammen klingt das wundervoll harmonisch. Joshua Bloom gibt mit mystischem Bass den hinterlistigen Kaspar. Im opulenten Finale nehmen Zachariah N. Kariithi (Ottokar) mit sonorigem Bariton und Magnus Piontek (Eremit) mit packend-wohligem Bass stimmgewaltig den gesamten Burgplatz ein. Voluminös und durch seine überschwängliche Spielfreude kann auch der Chor überzeugen (Leitung: Johanna Motter).
Ein durchwachsener Abend – der Teufel steckt im Detail.
Christoph Oscar Hofbauer
Der Freischütz (1821) // Romantische Oper von Carl Maria von Weber
Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Braunschweig
