MusikTheater an der Wien • La Calisto Cavallis aufreizendes Dramma per musica mit glanzvollen Musikern
„Sex sells“ und so setzt Intendant und Regisseur Stefan Herheim zur Saisoneröffnung auf Cavallis neunte – seine meistgespielte – Oper mit schlüpfrigem Sujet, frechen Dialogen, Nacktkostümen und verschiedenen Spielarten der (körperlichen) Liebe ohne jede Moral. Das komplizierte Werk mit mehreren Handlungssträngen und ernsthaften wie auch komischen Verwandlungen wird temporeich und mit ästhetischem, zum Stück passendem Bühnenbild (Silke Bauer) erzählt.
So wechseln rasch Elemente wie eine leuchtende Vulva („Grotte der Ewigkeit“) zum Halbmond, auf dem Göttervater Giove – als Mondgöttin Diana verwandelt – erscheint. Der leuchtende Sternenhimmel löst den brennenden Wald, der vom Obergott in Feuermann-Kluft für sein neues Lustobjekt, die Nymphe Calisto, gelöscht wird, ab. Dass diese trotzdem sein „Feuer der Liebe“ hasst und mit „keuschem Stolz“ lieber Jungfrau bleiben will, erzürnt den höchsten Gott und er schreitet zur (Verwandlungs-)List, sodass die beiden doch noch im „Garten der Lust“ hinter einem Baum landen. Dies gefällt Göttergattin Juno logischerweise gar nicht und sie ruft in knalligem Lack-und-Leder-Style mit feuriger Eifersucht zu „Gift und Strenge“ und verwandelt die gar nicht so arme, sondern inzwischen lustvolle Calisto in einen brummigen Bären – als Kostüm dient ein sexy geöffneter Pelzmantel.
Über unerfüllte Leidenschaft und sexuell frustriert leiden weiters alle anderen Figuren, so auch der ständig schmachtende Hirte Endimione und dessen Angebetete, die – gar nicht so sittsame – Keuschheitsgöttin Diana. Ihre altjüngferliche Begleiterin Linfea, dargestellt von einem Mann, befindet sich ebenfalls auf Freiersfüßen, will „endlich gekostet werden“ und flirtet sogar mit den Orchestermitgliedern.
Vera-Lotte Boecker gefällt als reizende, spielfreudige Calisto mit einseitig entblößter Brust, tanzt federleicht und verfügt über ein leuchtendes Timbre mit glasklaren Koloraturen. Expressive Darstellungskunst zeigt auch die temperamentvolle Giuseppina Bridelli als furienhafte Juno. Mit gehaltvollem Mezzo und intensiven Küssen besticht Luciana Mancini als Diana. Die humorvollsten Auftritte sind dem großartigen Komödianten Marcel Beekman gegönnt, der seiner Linfea/La Natura mit Wortdeutlichkeit eine markante Tenorstimme verleiht. Milan Siljanov entflammt als unsittlicher Giove für Calisto und muss sich auch stimmlich „verkleiden“: vom männlich-kraftvollem Bariton zum hohen Falsett-Sopran als verführende Diana in Frauenkleidung. Mit zartem Countertenor-Stimmchen und tränenreicher Melancholie jammert Endimione (Arnaud Gluck) um die Geliebte und auch Juan Sancho als Pane schluchzt mit fülligem, schönem Liebeskummer-Timbre um dieselbe Göttin.
Christina Pluhar leitet das von ihr gegründete Ensemble „L’Arpeggiata“ mit melodienreicher Musikalität und gut herausgearbeiteten komödiantischen Aspekten. Gekonnt arrangiert sie in dieser Fassung die in den venezianischen Manuskripten fehlenden Stellen der Tanzmusik (tolle Choreografie von Beate Vollack!), sodass ein gelungenes musikalisches Gesamtkunstwerk gelingt und Calisto nach einem letzten Schäferstündchen im schwebenden Bett als Sternbild des Bären unsterblich wird.
Susanne Lukas
„ La Calisto“ (1651) // Dramma per musica von Francesco Cavalli
Infos und Termine auf der Website des MusikTheaters an der Wien
