Die Allee der Oswaldgasse im Wiener Gemeindebezirk Meidling trennt zwei Wohnkonzepte: einerseits eine ehemalige Arbeitersiedlung, Doppelhaushälften mit eigenem Garten aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts; andererseits, auf dem Gelände einer ehemaligen Draht- und Kabelfabrik, Wohnungen für mehr als 3.500 Menschen, die in den 2000ern entstanden sind. Mittendrin liegt ein Veranstaltungszentrum, das Theater am Werk. Konventionelles steht hier weniger auf dem Programm, so unkonventionell wie Raum und Ort sind auch die Produktionen. Ein passender Veranstaltungsort also für die Musiktheatertage Wien.

So besonders das Setting, so außergewöhnlich das Stück. „Maria und die Fledermaus“ ist weder Operette noch Musical, es nennt sich ein „artenübergreifendes Singspiel“. Und da wird gesungen, gibt es einen umfangreichen Text und es darf gelacht werden. In der Tierarztpraxis von Maria hat Hund Zuki viel zu sagen, irrlichtert Schildkröte Camilla durch die Räume, ein Igel spart nicht mit Weisheiten, ein Meerschweinchen dreht gehörig auf und Fledermaus Rocky plant eine Revolution. Irgendwann in der ersten Hälfte des Stückes hat der Zuschauer den Überblick darüber verloren, wer genau wann einen Umsturz plant, wer den Blackout ausgelöst hat und wann das Virus eingeschleust wird. Letztendlich ist der genaue Inhalt auch bedeutungslos, es dreht sich doch alles um Klimakrise, den Umgang der Arten untereinander, Entfremdung und gesellschaftlichen Wandel. Wie schnell skizzierte Fragmente reihen sich die Szenen aneinander und senden immer wieder die gleiche Botschaft: Es ist alles nicht so einfach im Zusammenleben zwischen Mensch und Tier.

Die Zusammenarbeit des Autors und Dramatikers Johannes Schrettle mit Musiker (Jazztrompeter), Komponist und Regisseur Imre Lichtenberger Bozoki ist nicht die erste. Mit der Produktion „Horses“ konnte das talentierte Duo, gemeinsam mit Georg Breinschmid und Martin Hemmer, viel Anerkennung einheimsen. Hemmer zeichnet auch in „Maria und die Fledermaus“ zusammen mit Lichtenberger Bozoki für die Musik verantwortlich. Ein wilder Ritt durch alle Musikstile, gefällig, interpretierbar für jede Stimme, ob gut ausgebildet oder nicht – am Klavier Anna Maria Schnabel und an der Hammond-Orgel Valeria Lanner.

Michaela Bilgeri gibt eine gestresste, tierliebende und verpeilte Maria. Martin Hemmer darf als Hund Zuki komisch, nervig und auch etwas treulos sein. Lucia Miorin ist eine zuckersüße, aber gefährliche Rocky und Alice Peterhans ein ziemlich überdrehtes Meerschweinchen. Die besten Kostüme (Aleksandra Kica) dürfen der Igel (Suse Lichtenberger) und die Lampe (Sebastian „Cosbo“ Hiti) tragen. Auch wenn man als Zuschauer ein wenig verwirrt zurückbleibt, zeigte das Team eine sehr ambitionierte Leistung, die mit kurzem, aber heftigem Applaus belohnt wird.

Susanne Dressler

„Maria und die Fledermaus“ (2026) // Ein artenübergreifendes Singspiel von Martin Hemmer und Imre Lichtenberger Bozoki (Musik) sowie Johannes Schrettle (Text)