Lydia Steier hat es in ihren Inszenierungen gerne drastisch. In ihrer Version von Spontinis „La vestale“ verlegt sie die Handlung dazu vom Alten Rom in ein zeitlich irgendwo in der Nähe zu unserer Gegenwart angesiedeltes Zwangsregime. Dabei verbindet sie zwei bekannte dystopische Erzählungen miteinander: die Unterdrückung von Frauen aus Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“ und die Verbrennung von Büchern aus Ray Bradburys „Fahrenheit 451“.

Ersteres lässt sich noch einigermaßen zwanglos mit dem Thema der Oper verbinden, nämlich der verbotenen Liebe eines römischen Feldherrn zu einem Mitglied der zu sexueller Enthaltsamkeit verpflichteten Schwesternschaft der Vesta-Priesterinnen. Was allerdings eine Bücherverbrennung mit dem Plot zu tun haben soll, wird während der gesamten Inszenierung nicht sinnfällig. Immerhin aber kann man die Handlung so vor den leeren Bücherregalen der Bibliothek an der Pariser Universität Sorbonne spielen lassen, deren antikisierende Halle wenigstens einen architektonischen Bezug zur Römerzeit herstellt. Außerdem lässt sich mittels eines Bücherscheiterhaufens sehr schön die Flamme im Tempel der Göttin Vesta darstellen, an deren Bewahrung die Titelheldin wegen eines nächtlichen Stelldicheins mit ihrem heimlichen Geliebten scheitert. Um die Brutalität des Regimes herauszustellen, wird fortwährend geschlagen, gepeitscht und gequält, was das Zeug hält. Die Inszenierung läuft dabei in der Aneinanderreihung von Gewaltexzessen leer. Die so Geschundenen müssen deswegen immer wieder in die Musik hineinstöhnen.

Das ist schade, denn die Staatskapelle Berlin unter Carlo Rizzi präsentiert die Partitur kontrastreich und rhythmisch federnd. Mit der starken Betonung von Akzenten wird die Nähe zu Spontinis Zeitgenossen Beethoven betont. Dass der erste Akt musikalisch trotzdem recht disparat wirkt, liegt an der Komposition, die erst im zweiten Akt zur Ruhe kommt und längere Bögen spannt. Sonya Yoncheva in der Titelpartie findet hier auch endlich zu stärkerer dynamischer Differenzierung, die sie im Dauerforte des ersten Aktes hatte vermissen lassen. Ihr lyrisch grundierter Sopran reagiert auf manche dramatische Anspannung mit Schärfe in der Höhenlage, insgesamt aber wird sie den großen Anforderungen der Partie gerecht. An ihrer Seite bleibt David Butt Philip als Feldherr Licinius mit monochromem Tenor interpretatorisch blass. Marina Prudenskaya verleiht der Oberpriesterin mit ihrem klaren Mezzo dagegen die nötige Unerbittlichkeit.

Dass die Musik zum harfenumglitzerten Schluss beträchtliche Längen hat, nimmt die Regisseurin zum Anlass, das Happy End des Librettos mit einem neuen Handlungsstrang zu unterlaufen. Der bisher als treuer Freund und Verbündeter des Licinius in Erscheinung getretene Cinna (Siyabonga Maqungo mit frischem Tenor) schickt dem Liebespaar ein Exekutionskommando hinterher, welches die beiden hinter den Kulissen von einer knatternden Maschinengewehr-Salve niedermähen lässt, und greift ohne Vorwarnung zu Lorbeerkranz und Macht. Das Publikum überzieht das Regieteam für die überzogene Brutalität bei ansonsten weitgehender Ideenarmut im Schlussapplaus mit einem Buh-Gewitter.

Dr. Michael Demel

„La vestale“ (1807) // Tragédie lyrique von Gaspare Spontini

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