Kann es sein, dass in der Oper eine allmähliche Abkehr vom berüchtigten „Regie-Theater“ stattfindet? Im neuen „Lohengrin“ in Mainz etwa tragen die Protagonisten Kostüme wie auf einem Mittelaltermarkt, der Titelheld wird bei seinem Auftritt von Schwanenflügeln flankiert und zum „Gottesgericht“ gibt es einen veritablen Schwertkampf. Das alles kommt ohne Verfremdung oder Ironisierung aus. Regiezutaten gibt es allenfalls in homöopathischen Dosen, so eine stumme Vorgeschichte zu Beginn, in der Elsa und ihr Bruder Opfer eines angedeuteten Kindesmissbrauchs durch ihren Vater sind und ihn deswegen töten. Das spielt aber für den weiteren Verlauf der Handlung kaum eine Rolle. Auch gibt es eine sparsame Distanzierung zu den Mobilmachungsapellen des Königs, indem sich aus dazu eingeblendeten weißen Kreuzen allmählich ein Soldatenfriedhof formt und gegen Ende einige Edelleute pantomimisch in Zeitlupe zeigen, wie man in der ersten Reihe einer Frontlinie fällt.

Das Einheitsbühnenbild (Christoph Schubiger) ist ein mit hohen Wänden abgeschlossener, schmuckloser Raum, an dessen Rückwand sich zum Auftritt des Schwanenritters ein gezackter Spalt öffnet. Da tritt der Retter von außen in eine hermetisch abgeschlossene Gesellschaft hinein – ein einleuchtendes Bild. Die Inszenierung von Erik Raskopf zeigt, dass es gar nicht entscheidend darauf ankommt, in welche Kostüme man Darsteller steckt, sondern wie man Personen und Massen führt. Im ersten Aufzug etwa wird viel herumgestanden. Der Chor wird wenig bewegt, die Protagonisten oft im Bereich vor der Rampe abgestellt und ihrem mimischen Geschick überlassen. Trotz dieser Statik funktionieren musikalische Koordination und Klangbalance nicht immer optimal. Nach dem wunderbar schwebend und atmosphärisch gelungenen Vorspiel überzeugt das Orchester unter Gabriel Venzago vor allem in der Begleitung der Solisten, während die Dynamik beim Hinzutreten des Chores immer wieder schnell die Grenzen des Hauses sprengt.

Besser gelingt der kammerspielartige zweite Aufzug, der auf die darstellerische Intensität des Intrigantenpaares setzen kann. Brett Carter beeindruckt mit kernigem, gut fokussiertem Bariton bei klarer Diktion als Telramund. Als „Genossin seiner Schmach“ ist Julija Vasiljeva eine stimmlich ideale Ortrud, welche ihren kraftvollen Sopran in der Mittellage gefährlich schimmern lassen kann und bei der triumphalen Anrufung heidnischer Götter Gänsehaut erzeugt. Das steht in passendem Kontrast zu der klaren und gut geführten Stimme von Nadja Stefanoff, die ihr überzeugendes Debüt als Elsa gibt. Dass die Regie König Heinrich als hinfälligen Greis zeichnet, fügt sich zu der markanten, aber ein wenig glanzlosen Stimme von Stephan Bootz. Corby Welch in der Titelrolle schließlich kann sich nicht entscheiden, ob er seine kernige Bruststimme oder doch lieber die hellere Farbe seiner Kopfstimme nutzen will. Beim Hin- und Herschalten zwischen den Registern leidet mitunter die Intonation.

Insgesamt zeigt das kleine Opernhaus seine enorme musikalische Leistungsfähigkeit, während die Regie in historisierenden Tableaus unauffällig bleibt.

Dr. Michael Demel

„Lohengrin“ (1850) // Romantische Oper von Richard Wagner

Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Mainz