Dass Erich Wolfgang Korngold noch immer am Rand des Repertoires steht, wird seiner wunderbar schimmernden und glühenden Musik nicht gerecht, wie sie jetzt in Essen mit seinem „Wunder der Heliane“ von 1927 zu erleben ist. Worum es in diesem Stück geht? Um einen fiesen Potentaten, der seine Untergeben drangsaliert, alles Heitere, Fröhliche und Zugewandte aus seinem Land vertrieben hat. Weswegen ihn seine Ehefrau, die titelgebende Heliane, auch nicht zu lieben imstande ist. Umso mehr fühlt sie sich zu einem Fremden hingezogen, der dem Volk Liebe und Hoffnung verheißt. Weshalb ihn der Herrscher zum Tode verurteilt. Am Vorabend der Hinrichtung bringt Heliane dem Delinquenten etwas zu trinken in die Zelle. Sie empfindet Sympathie, dann Mitleid, schließlich liebevolle Zuneigung. Lässt sich dazu hinreißen, sich nackt vor ihm auszuziehen, besinnt sich jedoch in letzter Minute und tritt in die Gefängniskapelle, um für ihn zu beten. Zunächst von ihr unbemerkt, kommt der Herrscher zum Fremden, will dessen Fähigkeit, Menschen zu gewinnen, für sich nutzen. Und unterstellt Heliane Ehebruch, als er sie nackt vorfindet. Sie beteuert, diesen nicht begangen zu haben. Der Herrscher bedrängt den Fremden zu einer Zeugenaussage, der sich, um Heliane zu retten, das Leben nimmt. Der Herrscher verkündet nunmehr Heliane den Tod, es sei denn, es gelänge ihr, den Fremden wieder zum Leben zu erwecken, was ihr durch göttliches Einwirken im zweiten Anlauf auch gelingt. Glühend vor Liebe stürzt sie sich in die Arme des Auferstandenen. Zornig tötet sie der Herrscher, dessen Macht jedoch der nunmehr mit himmlischer Kraft ausgestattete Fremde bricht und verklärt mit Heliane ins Paradies einzieht.

Regisseurin Elisabeth Stöppler rückt im bedrohliche Haftanstalts-Atmosphäre suggerierenden Bühnenbild von Katja Haß die emanzipatorische Kraft Helianes in den Mittelpunkt. Und umschifft gekonnt den schon nach der Uraufführung als befremdlich kritisierten Erlösungsschluss, indem sie die auch im Libretto hervorgehobene Freiheit in den Mittelpunkt rückt. Zudem entwickelt sie die Figuren psychologisierend schlüssig; Sigmund Freud als Wiener Zeitgenosse Korngolds wird erkennbar.

Die Bewegungsabläufe sind dicht gefügt, auch innerhalb des individualisierend geführten Chors, der in der Einstudierung von Bernhard Schneider mit stupender Professionalität seinen Part bewältigt. Wie auch die glanzvolle Astrid Kessler in der Titelrolle stimmlich und darstellerisch das Äußerste gibt. Tilmann Unger singt den Fremden mit parsifaleskem Wagner-Metall, Heiko Trinsinger den Herrscher mit heldenbaritonaler Durchschlagskraft. Innerhalb der kleineren Partien entzückt die Gruppe der Seraphischen Stimmen und punkten Andrei Nicoara (Pförtner) mit bassweichen Edeltönen sowie der starke Schwertrichter von Aljoscha Lennert. Dirigent Andrea Sanguineti schwelgt und schärft gleichermaßen beim Entwickeln der klangsinnlich opulenten Partitur, hat den riesigen Apparat souverän im Griff. Starke Leidenschaften, große Gefühle.

Dr. Jörg Riedlbauer

„Das Wunder der Heliane“ (1927) // Oper von Erich Wolfgang Korngold

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