Mittelsächsisches Theater • Der Kaiser von Atlantis / Der zerbrochene Krug Ein Ullmann-Doppelabend beweist die Macht der Musik
Wie bringt man Viktor Ullmanns Musik auf die Bühne, wenn ihre Entstehungsgeschichte immer mitschwingt? Regisseur André Meyer beantwortet diese Frage am Mittelsächsischen Theater mit einer weitgehend zeitlosen Bildsprache. Ausstatterin Julia Schnittger hat einen grauen Raum mit Türen von klein bis gigantisch geschaffen, dazu arbeitet sie mit schweren dunklen Mänteln. Der Doppelopernabend mit „Der Kaiser von Atlantis“ und „Der zerbrochene Krug“ nach Kleist eröffnet eine reizvolle Perspektive: zwei Werke über Macht und ihren Missbrauch, verbunden durch eine musikalische Sprache, die vertraute Ordnung ins Wanken bringt.
Kaiser Overall ruft den Krieg aller gegen alle aus. Der Tod verweigert daraufhin seinen Dienst, bis der Kaiser bereit ist, selbst als Erster zu sterben. Meyer findet für den streikenden Tod ein starkes szenisches Bild: Alle Figuren bleiben auf der Bühne, sitzen, liegen, warten – Fortkommen ausgeschlossen. Harlekin vertreibt sich mit Koordinationsübungen die Langeweile, der Tod verharrt klagend. Die Videoprojektion des übergroßen Lautsprechergesichts, dem Gregor Roskwitalski Stimme und Mimik verleiht, ergänzt den Stilmix aus Commedia dell’arte, Allegorie und politischer Groteske um eine mediale Ebene. Leonhard Geiger zeichnet mit lyrischem Bariton einen überzeugenden Kaiser Overall, dessen Härte aus dem System erwächst und hinter dessen Machtanspruch Selbstzweifel sichtbar werden. Am Ende bleibt ihm die rote Krone auf dem Kopf, während eine weiße Unterhose und schwarze Socken seine Autorität grotesk demontieren. Die Farben deutscher Machtgeschichte auf nackter Haut.
Im „Zerbrochenen Krug“ muss Dorfrichter Adam über eine Tat richten, die er selbst begangen hat. Stummfilmsequenzen erzählen bereits während der Ouvertüre die Vorgeschichte. Später rücken Eve und Ruprecht mit großen UFA-Augen zaghaft auf einer Bank zusammen. Die Bilder besitzen Charme, verändern aber die Dramaturgie der Enthüllung. Gregor Roskwitalski bricht die Richterfigur mit komödiantischem Talent.
Musikalisch hält Generalmusikdirektor José Luis Gutiérrez die vielgestaltigen Partituren souverän zusammen. Die Mittelsächsische Philharmonie erweist sich auch in kleiner Besetzung als präzise abgestimmter Klangkörper. Mit sicheren Einsätzen führt Gutiérrez Sänger und Instrumentalisten durch rhythmische Verwerfungen und harmonische Schärfen. E-Klavier, Saxophon und Schlagzeugbesen setzen markante Klangfarben. Immer wieder scheint Ullmanns Musik in Dur-Arien, Volksweisen oder Chorälen für Augenblicke Frieden zu schließen. Dann fahren dissonante Bläserinterjektionen dazwischen und zertrümmern die Idylle.
Frank Unger als Harlekin und Inkyu Park als Ruprecht bewältigen ihre Tenorpartien mit bemerkenswerter Leichtigkeit. Julia Domke überzeugt als Mädchen wie als Eve gesanglich und darstellerisch. Paola Alcocer verleiht der Marthe Rull temperamentvolle Ausdruckskraft.
Die szenische Erstarrung im „Kaiser“ und die vorweggenommene Auflösung im „Krug“ kosten dramatische Spannung. Doch womöglich liegt genau darin Meyers Coup: Wo die Bühne innehält, bekommt Ullmanns Musik das letzte Wort.
Elke Hussel
„Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ (entstanden 1943/44 in Theresienstadt; Uraufführung 1975 in Amsterdam) // Spiel von Viktor Ullmann
„Der zerbrochene Krug“ (entstanden 1942; Uraufführung 1996 posthum) // Oper von Viktor Ullmann
Infos und Termine auf der Website des Mittelsächsischen Theaters
