Pascal Dusapin (*1955) scheut keine großen Stoffe. Für ihn sind sie stets Recherchen nach einer übergeordneten, seine Gegenwart betreffenden Relevanz. Diese deutsche Erstaufführung in der Staatsoper Hannover als zweiter Teil einer Dusapin-Trilogie markiert auch die jüngste Etappe der Koproduktion mit dem Festival d’Aix-en-Provence, der Opéra national de Paris und der Théâtres de la Ville de Luxembourg. Der Komponist, der sich seit seiner Jugend inhaltlich und musikalisch mit Dantes im 13. Jahrhundert entstandener „Divina Commedia“ auseinandersetzt, findet in Regisseur Claus Guth einen den Gesamteindruck intensiv verdichtenden Partner.

„Il Viaggio, Dante“ verweigert sich dem Sensationsappeal eines spirituellen Abenteuerparcours durch Inferno und Läuterungsberg hin zum Paradies. Vielmehr strebt die Produktion danach, Dantes 100 das Wissen des Hochmittelalters in einem religiös-symbolischen Kontext verankernde Gesänge zu vereinen. Das Libretto von Frédéric Boyer in italienischer Sprache, zu dessen Prosodie und Deklamation Mezzosopranistin Christel Loetzsch wertvolle Impulse beisteuert, verschmilzt die drei Sphären zu einem knapp zweistündigen Werk zwischen Oper und Oratorium.

Das Partienverzeichnis splittet die Zentralfigur auf. Bariton Peter Schöne erweist sich als großartige Verkörperung des älteren Dante „in der Mitte des Lebens“ und „am Scheidepunkt“. Guth lässt ihn im Video (rocafilm) mit dem Auto auf einer Forststraße verunglücken. Das dichte harmonische Material, das neben suggestiven Klangwirkungen auch reine Moll-Dreiklänge enthält, grundiert Dantes spirituelle Visionen. Schauplatz ist ein transparent werdender Wohnraum (Bühne: Etienne Pluss). Die Kostüme von Gesine Völlm verharren in einer konsequenten Gegenwart. Schwer verletzt gerät der Protagonist in einen Schwebezustand zwischen gesteigerten und verlöschenden Gedanken, die durch Fabrice Kebours Lichtregie plastisch konturiert werden.

Dante erinnert sich an eine ambivalente Beziehung: Ketevan Chuntishvili formt die irdische und göttliche Liebe vereinende Beatrice zu einer aparten, gleichsam ätherischen Projektionsfläche. Olga Jelínková modelliert Lucia, die Heilige des physischen Sehens, zu einer stimmlich extrovertierten, reizvoll skurrilen Gestalt. Guths formal streng durchdachte Inszenierung macht den Erzähler (Christian Dieterle) zum Showmaster. Norman D. Patzke stattet Dantes heidnischen Begleiter Virgilio mit suggestiver Ruhe aus, gerät dabei jedoch in den Schatten von Christel Loetzschs jungem Dante. Die substanziell verdichtete Komposition hofiert Loetzschs Glanzleistung noch deutlicher als den Bariton-Part mit dem ebenfalls um Dusapin hochverdienten Peter Schöne. Loetzsch phrasiert mit strahlender Timbrierung und verströmt eine beinahe überirdische Aura.

Dusapin bettet die Stimmen in ein dicht gewebtes, physisch-elektronisches Instrumentalgeflecht (Sounddesign: Thierry Coduys / Elektroakustische Einrichtung: Matthias Spitzbarth). Der von Lorenzo Da Rio einstudierte Chor verschmilzt fast symbiotisch mit dem farbsatt aufspielenden Niedersächsischen Staatsorchester unter dem sensibel steuernden Dirigat von Roland Kluttig. Dieses ebnet und steigert die dunkel leuchtende Partitur zu einem ausladenden und rundum bezwingenden Flow.

Roland H. Dippel

„Il Viaggio, Dante“ („Die Reise Dantes“) (2022) // Oper von Pascal Dusapin

Infos und Termine auf der Website der Staatsoper Hannover