Deutsche Oper Berlin • Der fliegende Holländer Milo Rau inszeniert Wagners Oper
Wuchtige Fragen stapeln sich zum babylonischen Turm: Kann Richard Wagner von seinem Antisemitismus erlöst werden? Wie distanziert sich eine ganze Nation von diesem Künstler? Oder prangt im derzeit keimenden Rechtsruck der vermeintlich typische Deutsche bald wieder auf dem Denkmalssockel? Sollte der Komponist vielleicht künftig nur noch in Israel auf dem Spielplan stehen? Schließlich: Findet Israel selbst Abstand zur eigenen Historie, den ewigen Konflikten? Und wie viel Anteil trägt Deutschland am Zustand in Nahost? Gibt es die Chance auf gesühnten Neubeginn, Annäherung ohne eine Geschichte, die Sichtweisen manipulierte, Blicke verengte, Interpretationen aufzwang? Viel Kontext für ein Werk, das kaum ohne diese toxische Gemengelage zu betrachten ist. An der Deutschen Oper Berlin versucht Milo Rau eine kühne, überraschende Lesart des „Fliegenden Holländers“ und provoziert am Ende ein wüstes Buh-Gewitter des Publikums, das sein Ansinnen und die Stringenz seines eigentlich klug durchdachten Konzepts ziemlich pauschal diskreditiert.
Der Schweizer Regisseur spaziert in seiner Inszenierung durch die Nazi-Zeit und deutsche Nachkriegsepoche, fokussiert auf den Holocaust, die Folgen bis heute. Der originale Plot läuft vor den Videosequenzen aus Israel, Impressionen des Projekts „Wagner in the Holy Land“ sowie Material aus der Vergangenheit eher konventionell und ziemlich statuarisch ab. Drei parallele Ebenen, die verwirren und manchmal faszinieren, immer den Aspekt Schuld und Sühne im Zentrum. Shlomi Moto Wagner, ein in Berlin lebender Jude, und Sarah von Schwarze, Kind deutscher Konvertiten in Israel, kommentieren, betrachten als addierte Personen die Handlung: ein Ritt durch Traumata und Dilemmata, überambitioniert, partiell heikel, denn zu viel wäre hier zu klären, in Betracht zu ziehen, kritisch zu verhandeln.
Die Originalfiguren des Holländers verkörpern ein ganzes Volk oder einen essentiellen Abschnitt der Vergangenheit. Senta steht für Israel, der Holländer für deutsches Verbrechen, Daland für die Staatsgründung, Erik für die Palästinenser. Rau gelingt die Verschachtelung der gereihten Perspektiven und Gedankensplitter durchaus, aber die permanente Verschmelzung der Schichten im Bühnenbild von Anton Lukas, Moritz von Dungerns Video und den im Zeitraffer wechselnden Kostümen von Silvie Naunheim strengt gehörig an und erzielt selten wirkliche Spannung.
Bis zur Pause bleibt die Produktion eher ambivalent, überstrapaziert im Konzept-Dschungel. Danach gelingt Rau starke Verdichtung. In Berlin wird das Holocaust-Mahnmal eröffnet. Vor dieser Kulisse verlangen Palästinenser mehr Aufmerksamkeit, werden von Sicherheitskräften drangsaliert. Unerwartet breitet sich Rechtspopulismus aus, klittert Vergangenheit und hebt Deutschtum erneut auf den Sockel. Die wie Alice Weidel gestylte Mary (Kai Rüütel-Pajula) erschießt Erik, Senta liquidiert sich selbst, bleierne Ohnmacht schafft sich Platz, die ersehnte Erlösung verpufft jäh.
Giedrė Šlekytė am Pult und das Orchester der Deutschen Oper legen Wagners Partitur metallisch hart, aber zu eindimensional aus, bürsten gegen den romantischen Strich. Das passt zwar zur Inszenierung, aber nicht dem Publikum. Die Dirigentin nimmt am Ende einen Sturm der Entrüstung entgegen.
Aušrinė Stundytė als Senta wirkt stimmlich bedenklich überfordert, was mit gellender Schelte quittiert wird. Attilio Glaser als Erik erfährt die größte Zustimmung, der Daland von Tareq Nazmi stößt ebenfalls auf Gefallen. Tomasz Konieczny beginnt seinen Holländer in Nazi-Montur gesundheitlich angeschlagen und wird rasch im Gesangspart durch Derek Welton ersetzt.
Berlins neuer „Fliegenden Holländer“ behagt den meisten wenig. Dabei trägt er höchst beachtliches Potenzial in sich, führt an sensibelste Punkte unauslöschlicher deutscher Schuld. Eine Diskussion darüber lohnt, auch in dieser Form.
Jürgen Rickert
„Der fliegende Holländer“ (1843) // Romantische Oper von Richard Wagner
