Als deutsch-britisch-amerikanisch-australisches Auftragswerk widmet sich die monumentale Uraufführung „Of One Blood“ einmal mehr den Tudor-Königinnen Elizabeth I und Maria Stuart. Regisseur Claus Guth entfaltet ein bildgewaltiges Epos zwischen historischer Welt und kühler Laborsituation; Lichtregie, Schattenprojektionen und tableau-artig komponierte Szenen entwickeln eine enorme Sogwirkung. Immer wieder entstehen Bilder von großer ästhetischer Kraft, raffinierte Lichtstimmungen und präzise Figurenchoreografien verleihen der Produktion außergewöhnliche visuelle Intensität.

Im Zentrum stehen die beiden Königinnen — weniger als politische Gegenspielerinnen denn als Frauen, deren Schicksale von männlich dominierten Machtstrukturen gelenkt werden. Bis zur Hinrichtung Maria Stuarts fokussiert die Oper Mechanismen von Misstrauen, Intrigen und politischer Instrumentalisierung. Dass Heather Betts Libretto kein eindeutiges Täter-Opfer-Schema entwirft, sondern tragische Verstrickungen zweier einander eigentlich nahestehender Frauen zeigt, ist ein sehr kluger, zeitgemäßer Blickwinkel. Guth reagiert darauf mit einer Inszenierung, die statt abgeschlossenem Historienbild einen detailreich ausgearbeiteten heutigen Untersuchungsprozess über Macht, Erinnerung und politische Mechanismen zeigt. Passend dazu: ein imaginierter Begegnungsraum zwischen den historisch nie aufeinandergetroffenen Königinnen.

Musikalisch bleibt der Zugang deutlich distanzierter: Die komplexe, oft spröde Partitur erschließt sich wohl vor allem Kennern der zeitgenössischen Oper. Komponist Brett Dean setzt durchwegs auf atmosphärische Verdichtung. Er beschreibt Stimmungen, Räume und Bedrohungen mit enormem orchestralem Aufwand, Elizabeth und Maria bleiben im individuellen musikalischen Ausdruck dagegen eher blass. Statt emotionaler Kontur dominiert eine Klangsprache, die – ähnlich wie im Film – ganze Szenen illustriert und Spannungszustände unterstreicht. Dean arbeitet mit massiven orchestralen Klangballungen, elektronischen Zuspielungen und einem virtuosen Cembalo, das im Gesamtklang aber teilweise untergeht. Das Bayerische Staatsorchester bewältigt die komplexe Partitur mit beeindruckender Präzision und klanglicher Wucht, Vladimir Jurowski fungiert als souveräner Dompteur dieses großangelegten Klangflächen-Spektakels.

Herausragend sind die Gesangs- und Darstellungsleistungen der beiden Protagonistinnen, die ihre extrem sperrigen Gesangslinien bravourös meistern. Johanni van Oostrum gestaltet Elizabeth mit eindrucksvoller Bühnenpräsenz zwischen kühler Herrscherpose und inneren Zweifeln. Vera-Lotte Boecker kontrastiert Maria Stuart mit großer Authentizität vom naiven jungen Mädchen bis zur gefassten Frau vor ihrer Hinrichtung. Ihr äußerst beweglicher Sopran überzeugt durch sensible Gestaltung und enormer stimmliche Bandbreite. Auch der höfische Machtapparat fügt sich hochpräzise in das fein austarierte Ensemble ein, der Chor beeindruckt vor und hinter der Bühne durch bemerkenswerte Geschlossenheit.

So ist „Of One Blood“ eine intellektuell präzise durchgearbeitete, gewaltige Produktion, die mit Aufwand, ästhetischer Konsequenz und technischer Perfektion beeindruckt. Emotional bleibt man allerdings etwas ratlos und seltsam unberührt zurück — angesichts eines Werkes, das eher überwältigt als emotional ergreift.

Iris Steiner

„Of One Blood“ (2026) // Oper von Brett Dean

Infos und Termine auf der Website der Bayerischen Staatsoper