Salzburger Festspiele Pfingsten • Il viaggio a Reims Vollgas für Rossinis Gesangs-Schaulaufen
Die „Königin des Gesangs“ entsteigt im glamourösen Abendkleid ihrer pompösen dreistöckigen Geburtstagstorte, es fliegen Hüte und Blumen – und Cecilia Bartolis Opernsause endet mit einer kleinen Zugabe nach ausgelassenen drei Stunden.
Regisseur Barrie Kosky zieht für Rossinis „Il viaggio a Reims“ alle Register. Die Solistinnen und Solisten – gnadenlos überschminkte Karikaturen der europäischen High Society – stürzen sich mit sichtlichem Spaß ungebremst ins Slapstick-Bad, ein achtköpfiges Tanzensemble wurlt wie überdrehte Aufziehmännchen durch die Szenerie, der Chœur de l’Opéra de Monte-Carlo (Einstudierung: Stefano Visconti) gibt sich mit Haut und Haar den Zuckungen der Musik hin. Türen knallen, Augen und Münder weiten sich zum „Aaaah!“ und „Ooooh!“, Hektik hier, schillernde Revue da. Alles too much. Alles trotzdem im grünen Bereich? Der unverkennbare Kosky-Stil trägt, wie bei einem gut geölten Uhrwerk greifen alle Räder ineinander – spätestens nach der Pause geht im Vollgas aber die Puste aus.
„Il viaggio a Reims“ entstand anlässlich der Krönung des französischen Königs Karl X. im Jahr 1825. Das hilft dem europäischen Adel aus aller Herren Länder nicht im Geringsten: Sie wollten der Zeremonie (hier umgewidmet zur „La Ceci“-Geburtstagsgala) beiwohnen, sitzen jetzt aber mangels verfügbarer Pferde in einem ländlichen Kurhotel fest. Dabei sein ist alles? Fehlanzeige. Und so singt man sich eben durch die Nicht-Handlung, siecht angesichts verschwundener Abendgarderoben gar jämmerlich dahin, duelliert und zankt sich der lieben Liebe wegen, schwingt Peitschen, platziert offensive Avancen – und spielt vor allen Dingen mit augenzwinkernden nationalen Klischees.
Was Rossini seinerzeit mit viel Ironie in einen musikalischen Blumenstrauß verpackt hat, zieht noch heute – seit der modernen Erstaufführung 1984 hat sich „Il viaggio a Reims“ in die konstanten Dauerbrenner unter seinen komischen Opern eingereiht. Gianluca Capuano konturiert diese Energie am Pult seines Orchesters „Les Musiciens du Prince – Monaco“ auf historischen Instrumenten und modelliert einen Rossini-Klang zwischen Virtuosität, Rasanz und Eleganz.
Das Werk fordert ganze zehn erstklassig besetzte Hauptpartien – ein gesangliches Schaulaufen in herrlich überbordender Kostümierung (Victoria Behr). Tara Erraught als Tiroler Hoteleigentümerin gurrt sich beherzt kolorierend durch ihre Einsätze, Mélissa Petit nutzt die dankbare Komödien-Steilvorlage „Gräfin sucht Hut“ mit einem gehörigen Schuss Extravaganz, Marina Viotti kokettiert als polnische Generals-Witwe mit einer Dosis abgründiger Verruchtheit und Dominanz. Cecilia Bartoli hat sich für die römische Dichterin Corinna entschieden und vereint in dieser Rolle Sentiment, Grazie und Aura. Die Herren haben es bei all dieser geballten Frauen-Power nicht leicht und bleiben stimmlich wie schauspielerisch unauffällig-solide bis forciert eher im Schatten – gezielt ausgenommen Misha Kiria, der dem Barone di Trombonok mit rauem Opern-Brecheisen und preußischer Gloria ein witziges Denkmal setzt und dafür weit mehr als nur einen Zwischenlacher aus dem Publikum kassiert. Schafft man es schon nicht nach Reims, ist man an diesem Abend doch sehr gerne in Salzburg – viva La Ceci!
Florian Maier
„Il viaggio a Reims, ossia L’Albergo del Giglio d’oro“ (1825) // Dramma giocoso von Gioachino Rossini
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