Eines steht fest: Musikalisch gerät der Abend unter Valerio Galli zum Triumph. Das Staatsorchester Stuttgart entfaltet eine klangliche Dichte und Pracht, die das Publikum regelrecht mitreißt – inklusive lautstarker Bravo-Rufe für den Dirigenten bereits beim Aufgang nach der Pause. Chor und Kinderchor singen präzise und mit einer so beeindruckenden Lautstärke, dass zur Pause vereinzelt Hörgeräte leiser gestellt werden müssen.

Doch auf der Bühne prallen weniger lebendige Figuren als Prinzipien aufeinander: Turandot als technokratisches System, Liù als dieses System infrage stellende Liebe. Anna-Sophie Mahler wählt für diese musikalische Wucht eine betont statische, fast konzertante Anlage. Die Akteure stehen zumeist isoliert frontal zum Publikum, Interaktionen finden nur punktuell statt. Dies dürfte Dirigent Galli gefreut haben, denn befreit von Personenregie kann sich das Ensemble voll auf die Musik fokussieren. Und so tragen Esther Dierkes’ lyrisch-empathische Liù und Diego Godoys strahlender Calaf die Emotionen des Abends größtenteils über die Stimme, flankiert von Ewa Vesins herrischer Turandot und Heinz Göhrigs apathischem Altoum.

Weil das Spiel der Solisten isoliert verpufft, wird die Dynamik zwischen technokratischem System und aufopfernder Liebe szenisch kaum eingelöst. Daran ändert auch Katrin Connans vertikal geteiltes Bühnenbild wenig – oben ein steriler weißer Kasten, unten ein Bombenkrater. Der konzeptionell geforderte „Raubbau eines Technologiesystems“ verkommt zu hilflosen Chiffren: Wenn die Masse ab und zu auf Handydisplays starrt und Minister QR-Codes auf Sandsäcken scannen, erstarrt die Inszenierung in einer Alibi-Digitalisierung im Stil von 2015. Auch der angekündigte globale Rohstoffabbau bleibt mit einem Kurzvideo von Ölförderanlagen ein isoliertes Beispiel, statt als bedrohliches System zu wirken. Mangels eines sichtbaren Fundaments läuft die konzeptionell behauptete Notwendigkeit einer „Transzendenz“ ins Leere.

Diese Inkonsistenz ist kein Einzelfall: Das Programmheft behauptet vieles, was auf der Bühne unsichtbar bleibt. Psychologische Thesen wie die, dass Turandot selbst vergewaltigt wurde und deshalb ein Kind als abgespalteter Teil von ihr auftritt, erklären sich rein szenisch nicht. Motive wie Roboterhunde, blumentragende Weise, ein leuchtendes Herz für den überspringenden Funken oder bedeutungsschwer vorbeifliegende Erden wirken mangels roten Fadens wie unstringente Gimmicks.

Einen glanzvollen Schlusspunkt setzt jedoch das Finale: Die Entscheidung, Puccinis Fragment in Wagners Liebestod aus „Tristan und Isolde“ münden zu lassen, ist ein grandioser Eingriff. Orchestral funktioniert die Fusion beider Welten fantastisch, und obgleich sie szenisch Fragezeichen hinterlässt, ist der Versuch ein echter Gewinn: Es ist genau richtig, an den vermeintlich unantastbaren Grundfesten eines Klassikers zu rütteln, um das historische Fragment produktiv weiterzudenken.

Hendrik Ruhe

„Turandot“ (1926 posthum) // Dramma lirico von Giacomo Puccini

Infos und Termine auf der Website der Staatsoper Stuttgart