Da jubelt das Herz der Wagnerianer: Auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper sieht man doch tatsächlich mal wieder richtige (Plastik-)Bäume, Speere und Flügelhelme. Ja, sogar echte Pferde im Walkürenritt gibt es bei dieser Premiere – wenn auch nur als Video-Zuspielungen, die bei Inszenierungen von Feuilleton-Liebling Tobias Kratzer mittlerweile zu den erwartbaren Stilelementen zählen. Fast anderthalb Jahre musste das Publikum nach dem heftig bejubelten „Rheingold“ auf die Fortsetzung dieses „Rings“ warten, jetzt klatscht es sich erneut in kollektive Euphorie.

In der letzten Münchner „Walküren“-Inszenierung von Regisseur Andreas Kriegenburg begann der dritte Aufzug noch mit einer merkwürdigen Stampf-Choreografie, die selbst bei Wiederaufnahmen konsequent von Buhrufen begleitet wurde. Bei Kratzer hingegen gibt es an derselben Stelle gleich mehrfach begeisterten Szenenapplaus, wenn die Wotanstöchter durch den Englischen Garten und durchs Siegestor galoppieren oder Waltraute in ihrem Hubschrauber wenig subtil an Coppolas „Apocalypse Now“ erinnert.  

Denn auch in der zweiten „Ring“-Episode bleiben Kratzer und das von Rainer Sellmaier angeführte Produktionsteam der etablierten Film- und Serien-Ästhetik treu. Man erlebt erneut ein popkulturelles Kaleidoskop, bei dem neben den Erinnerungen an Neil Gaimans „American Gods“ u.a. auch noch die Zombie-Armee aus „Game of Thrones“ anrückt, die von den Walküren für Wotans letztes Gefecht ausgebildet wird. Kratzers Kollektiv verknüpft immer wieder alte und neue Mythen. Und in den besten Momenten entdeckt man tatsächlich einige clevere Ideen, die einem in der mehr als 150-jährigen Werkgeschichte so tatsächlich noch nicht untergekommen sind. So zeugen Siegmund und Sieglinde ihren heldischen Nachwuchs diesmal bereits, bevor sie sich als Geschwister erkennen. Und auch der Feuerzauber wird von Regie und Videomannschaft überaus sinnfällig gebrochen. Solche starken Einfälle können aber nicht ganz darüber hinwegtäuschen, dass die Intensität des „Rheingolds“ hier nicht immer erreicht wird und manche Bilder schon auch sehr gewollt wirken.

Noch einmal an Kontur gewinnt dafür das scharfkantige Dirigat von GMD Vladimir Jurowski, der trotz breiter Tempi stets die Spannung hält. Trotz akribischer Arbeit am Detail schreckt er gleichzeitig nicht vor großen plakativen Gesten zurück, wenn es dem dramatischen Effekt dient. Vertrauen kann er auf ein rundum exzellent besetztes Ensemble. Joachim Bäckström als Siegmund vermag keineswegs nur mit seinen machtvollen „Wälse“-Rufen zu punkten, sondern findet in den „Winterstürmen“ auch schnell wieder zarte Farbnuancen, die dem gebrochenen Helden gut zu Gesicht stehen. Und auch Irene Roberts baut als Sieglinde auf einem soliden Mezzo-Fundament, das ihrem Rollenportrait eine anrührende Wärme verleiht. Eine Qualität, wie man sie auch bei der sehr menschlichen Brünnhilde von Miina-Liisa Värelä findet. Sie hat ihre stärksten Momente im Dialog mit Nicholas Brownlee, dessen ausladender Bassbariton alles mitbringt, was man sich für einen Wotan nur wünscht: klare Diktion, ein dunkles Timbre und Spitzentöne von beeindruckender Strahlkraft. Mit solchen Stimmen muss man sich um das doppelte „Ring“-Finale in der kommenden Saison wohl keine großen Sorgen machen.

Tobias Hell

„Die Walküre“ (1870) // Erster Tag des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner

Infos und Termine auf der Website der Bayerischen Staatsoper

Für alle, die keine Karten mehr bekommen haben: Die Bayerische Staatsoper zeigt „Die Walküre“ am Samstag, 4. Juli 2026 ab 17 Uhr bei „Oper für alle“ auf dem Max-Joseph-Platz als kostenlose Live-Übertragung aus dem Nationaltheater.