Wie verführt eine philistraische Priesterin, deren Volk im Kampf besiegt wurde, den hebräischen Heerführer mit sagenhafter Kraft? Margarita Gritskova weiß eindrucksvoll die Antwort. Die attraktive Russin setzt gezielt Körper, zauberhafte Mimik und verlockendes Timbre ein und entlockt mit cremig-sanften Farben voller Sinnlichkeit und brennender Leidenschaft dem innerlich zerrissenen Samson das Geheimnis seiner Haarpracht. Mit ihrer wunderschön-klingenden unteren Mittellage, voluminöser Tiefe und leuchtenden Spitzentönen verleiht sie ihrer Dalila ebenso Format wie mit Farbenreichtum zwischen enormer Willensstärke, Hass, betörenden Sirenentönen und eruptierenden Rachegelüsten – inklusive Höhenattacken bei ihrer Prachtarie „Mon cœur s’ouvre à ta voix“ und höhnischen Klängen am Stückende. Die Mezzosopranistin trägt bei ihrem Rollendebüt großartig den ganzen Abend.

Ihr Samson bittet zwar um Schutz vor der Versuchung, kann bei dieser geheimnisvollen Femme fatale aber verständlicherweise nicht widerstehen. Kristian Benedikt präsentiert seinen großen Stimmumfang mit kraftvollem Tenor und voller Stimme, kann darstellerisch jedoch keine Akzente setzen. Er wirkt statisch, steht meist verloren und ohne jegliche Interaktion auf der Bühne, wodurch weder intensives Begehren noch ein mitreißender Volksführer oder gebrochener Held sichtbar wird. Serban Vasile verflucht als Oberpriester des Dagon mit zornigem Tonfall die Gegner und darf Dalila – nach einem dynamischen Racheduett mit geballter Kraft – küssen.

Dirigent Thomas Rösner arbeitet bemüht melodische Schönheit, spannungsgeladene Musik und orientalische Effekte heraus, riskiert aber einige unharmonische Klänge im Orchestergraben. Einheitlich und von Klangschönheit getragen agiert der Chor der Frauen unter Leitung von Brigitte Wurzer, die Bitte um Mitleid mit dem Elend und die feierlichen Gesänge wirken stark.

Die schräge Open-Air-Bühne (Hans Kudlich) erlaubt gute Sicht auf das Geschehen auch im Hintergrund und wird betont puristisch gehalten. Außer einigen Felsblöcken, die Schutz, Grabstelle, Liegestätte, Opferaltar oder zuletzt Tempelmauern darstellen, ist nur ein Gerüst am Bühnenende sichtbar. Hier werden effektvolle Bilder der Ketten, die auch gesprengt werden, Feuer, Sternenhimmel, sehende Augen und zuletzt der Tempeleinsturz gezeigt. Optische Reize zeigt die von Desi Bonato choreografierte Dance Factory Klosterneuburg. Davon abgesehen kann über die Regie von Mario Pavle del Monaco nicht viel gesagt werden, weil wenig bis gar nichts passiert und die männlichen Sänger und Chormitglieder intensivere Personenführung gebraucht hätten. Die Kostüme (Anna-Sophie Lienbacher) faszinieren, besonders der edel bestickte Mantel des Oberpriesters und Dalilas goldene, enge, figurbetonende Corsage mit blauem Rock und verführerischen Schlitzen. Das Publikum verlässt zufrieden den wunderschönen, atmosphärenreichen Klosterneuburger Stiftshof.

Susanne Lukas

„Samson et Dalila“ (1877) // Oper von Camille Saint-Saëns

Infos und Termine auf der Website der Oper Klosterneuburg