Bei den Opernfestspielen Heidenheim inszeniert die aus Pesaro stammende und künstlerisch avantgardistische Italienerin Rosetta Cucchi dieses Jahr den „Otello“ neu. Sie wählt ein nicht historisierendes Regiekonzept und verlegt das Geschehen in ein Rocker-Milieu unserer Tage. Macbeth ist der „Ober-Rocker“, der Gruppen-Leader, Jago ein bedeutender zweiter Mann und Strippenzieher in der jovialen Truppe, die wilde, ja nahezu ekstatische Tänze vollzieht. Da geht es hoch her in der für das Milieu üblichen Bekleidung (Claudia Pernigotti). Die Herren tragen kampfbetonte Gesichtsbemalungen, mit denen die Inszenierung offenbar eine unspezifisch „afrikanisch“ wirkende Ästhetik erzeugen will, um auf Otellos als „Mohr“ markierte Herkunft anzuspielen. Desdemona ist ein Mädchen aus gutem Hause, das anscheinend aufgrund ihrer Liebe zu Otello zu der Gruppe gestoßen ist. Cucchi zeigt sie als eine mit all ihren Gefühlen (die eben auch das Gerechtigkeitsgefühl für Cassio umfassen) authentisch um ihre Liebe kämpfende Frau. Erst ganz am Schluss, im vierten Akt, verzweifelt sie – entsprechende Bilder erinnern an ihre unbeschwerte glückliche Jugend.

Im Rahmen einer sehr guten und bis ins letzte Detail gehenden Personenregie wird Otello im Bühnenbild von Matthias Kronfuss und Lichtdesign von Hartmut Liztinger als Mensch gezeigt, der wie bei einem Albtraum ständig unter dem Druck steht, performen zu müssen. Denn Respekt wird ihm nicht aufgrund seines Standes, sondern nur aufgrund seiner Erfolge gezollt. Das führt zu seiner inneren Unsicherheit, die ihn anfällig für die Ränke Jagos macht, der sich an ihm für eine nicht gewährte Beförderung rächen will und das in dieser Inszenierung mit nachhaltiger Intensität vollzieht. Damit betont das Regieteam die psychologische Komponente dieses tiefgründigen Werkes und lässt das Publikum an einem gnadenlos in die Katastrophe führenden Geschehen teilhaben, das keinen Blick ins dennoch erhellende Programmheft erfordert.

Leider gibt es beim langen Monolog von Desdemona an ihrem Sterbebett im vierten Akt einen grässlichen Ausrutscher ins entfremdende Regietheater. Sie tippt auf ihrem Handy noch schnell ein paar WhatsApp-Messages (!) an ihre Mutter, die auch antwortet. Damit wird ihr so wundervoller „Gesang an die Weide“ der Plakativität einer zweifelhaften szenischen Lösung geopfert.

Sung Kyu Park singt den Otello mit viel Kraft, erreicht durchaus die Spitzentöne, lässt aber die letzte tenorale Leichtigkeit vermissen. Marian Pop ist ein hervorragender Jago in vokalen und darstellerischen Belangen. Camille Schnoor gibt eine wunderbar intonierende Desdemona mit abgedunkelten Klangfarben in der Mittellage und feiner Phasierung. Johannes Maria Wimmer ist ein Respekt gebietender Lodovico und Julia Rutigliano eine sehr prononcierte und mit kraftvollem Mezzo singende Emilia.

Der Künstlerische Direktor Marcus Bosch dirigiert die Stuttgarter Philharmoniker und den exzellenten Tschechischen Philharmonischen Chor Brünn (Leitung: Petr Fiala). Bosch versteht es, dem Stuttgarter Ensemble bei guten Tempi einen klassischen und festspielreifen Verdi-Sound zu entlocken.

Dr. Klaus Billand

„Otello“ (1887) // Dramma lirico von Giuseppe Verdi