Staatstheater Kassel • Der fliegende Holländer Musikalischer Hochgenuss und eine mutige Neudeutung für Wagners Oper
Im Programmheft findet sich statt Wagners Handlung die Nacherzählung der Regie. In der Firma von Geschäftsmann Daland läuft es nicht gut. Es kommt zur Fusion mit dem Holländer. Im Zuge von Optimierungsmaßnahmen werden Angestellte entlassen, darunter Erik. Der Holländer wird als Elon-Musk-Typ vorgestellt, dessen Konzern die Besiedelung das Mars bewirbt, wo es weder Steuern noch Regierung geben wird. Er platzt per Fallschirm in die schlechte Stimmung.
Florian Lutz und Marlene Pawlak gelingt eine originelle Übertragung, die am Ende ins Plakative verschwindet. „DA LAND“ ist erfolgloser Container-Spediteur, Milliardär „Holländer“ wird als Retter angenommen, es entsteht „HO LAND“. Dagegen lehnen sich die Arbeiter auf, allen voran Erik, der vandalierend umherzieht. Die Zuschauertribüne dreht sich, weitere Sitze finden sich auf Gerüsten ringsum und auf Sebastian Hannaks Bühne als Eventplätze zum Mitspielen. Kameras bringen die Sängerinnen und Sänger auf Bildschirme, in einer eigentlich als Orchestergraben geplanten Versenkung hausen Arbeiter zwischen Pizzakisten.
Wer einen musikalisch hochkarätigen „Holländer“ mit klarer Textverständlichkeit und schauspielerischer Brillanz sehen will, sollte nach Kassel fahren. Clemens Fieguth führt das Staatsorchester zu einer hervorragenden Gesamtleistung, die das Musikdrama in seiner filmisch-orchestralen Sogkraft in den Mittelpunkt stellt.
Stefan Hadžić hat mit dem Holländer sein Rollendebüt: diabolisch in der Darstellung, gesanglich überzeugend. Hier landet kein verfluchter Suchender, sondern ein Berechnender, der sich nicht alles kaufen kann. Er nutzt Sentas Familiensehnsucht, doch als sie mit zwei Kindern und blonder Perücke dasteht, kippt es: Senta wirft die übergestülpte Perücke ab. Die gefeierte Adia Evans begeistert in dieser Rolle – und erhält großen Jubel für klare Interpretation, Ausdruck und Präsenz. Diese taffe Frau unterwirft sich nicht den traditionellen Einheitsfantasien (Kostüme: Mechthild Feuerstein). „Erik“ Brett Sprague bietet im Unterhemd eine darstellerische Glanzleistung. Daniel Noyola gelingt als Daland ein starker Start, Johannes Strauß ist ein sympathischer Steuermann und Ilseyar Khayrullova überzeugt als Mary.
Opernchor, Extrachor und Chorgäste wurden von Marco Zeiser Celesti einstudiert. Aus Gerüsten und auf der Spielfläche erzeugen sie spannenden Raumklang; die Abstimmung mit dem Orchester ist in der riesigen Interim-Spielstätte komplex. Die Tontechnik unterstützt die Sängerinnen und Sänger unauffällig.
Gelungen sind die Videos von Konrad Kästner, der in exakter Übereinstimmung von Text und Bild arbeitet und so spannende Setzungen bietet, etwa die Weltuntergangserzählung des Holländers. Hervorzuheben sind die Cam-Operatoren Fritz Eggenwirth, Victoria Koberstein und David von der Stein. Eindrucksvoll wirken die von Jürgen Kolb ins Licht gesetzten stillen Szenen – etwa zwischen Holländer und Senta –, wenn die Leinwände aus sind und klare Lichtflächen konturieren.
Das Ende überzeugt nicht: Der Holländer entschwebt im Fallschirmgeschirr. Senta zündet ein Feuerzeug, alle verlassen die Bühne, per Video bricht die Bankenmetropole in Explosionen zusammen. Weltenbrand der Götterdämmerung. Das wirkt platt im ansonsten fein anspielungsreichen Abend.
Marcus Leitschuh
„Der fliegende Holländer“ (1843) // Romantische Oper von Richard Wagner
