Das Experiment, den von Rossini für die große Pariser Oper konzipierten „Guillaume Tell“ („Wilhelm Tell“) ins tfn zu transferieren, ist aus musikalischer Sicht gelungen. Das wird schon bei den ersten Takten der Ouvertüre hörbar. Wunderbar gesanglich intonieren die fünf Solo-Celli diese Takte, die oft als „Morgenröte“ bezeichnet werden. Und den späteren Galopp, der diese Ouvertüre so populär macht, stattet Achim Falkenhausen mit solch vibrierender Verve aus, dass man die Funken unter den Pferdehufen zu sehen meint. Diese spielerische Qualität des Orchesters bleibt unter seiner souveränen und engagierten Leitung bis zum letzten Takt präsent.

Glänzend erfüllen der Opern- und Extrachor die hohen Anforderungen der Partitur. Mal besingen sie mit frischer Munterkeit das idyllische Landleben. Dann verdüstert sich die Stimmung und die Chöre schwanken zwischen Angst und revolutionärer Wut, wenn der habsburgische Landvogt Gesler (Andrey Andreychik) und seine rechte Hand Rodolphe (Julian Rohde) nahen. Großartig ist das alles gesungen.

Dass das tfn die anspruchsvollen Soli bis auf eine Ausnahme mit eigenen Kräften darstellen kann, ist ein Glücksfall. Eddie Mofokeng als Tell ist die ideale Besetzung. Mit seinem in allen Lagen frei klingenden Bariton spürt er überzeugend und bewegend den unterschiedlichen Emotionen dieser Figur nach. Ergreifend bittet er kurz vor dem entsetzlich risikoreichen Apfelschuss seinen Sohn „Sois immobile“ – „Sei reglos“. Die junge Sopranistin Juline Florentino spielt mit variationsreicher Stimme und quirligen Aktionen Sohn Jemmy.

Ganz große Momente haben Gabrielė Jocaitė als Prinzessin Mathilde und Leilei Xie als wankelmütiger Arnold. In ihren Rezitativen und bedeutenden Arien spiegelt sich der tragische politische und standesmäßige Konflikt ihrer Liebe wider. Das gestalten beide sängerisch und auch szenisch mit tiefer Empfindung, beispielhaft in Mathildes Romanze „Sombre forêt“ („Dunkler Wald“) und Arnolds Arie „Asile héréditaire“ („Heimatliche Hütte“). Der Auftritt des Landvogts wird durch den voluminösen Bass von Andreychik und sein lässig eiskaltes Agieren zum schrecklichen Wendepunkt einschließlich des grausam befohlenen Apfelschusses. Dessen Gelingen wird übrigens technisch pfiffig gelöst.

Regisseurin Isabel Ostermann lässt den Landvogt als eine Art Yuppie auftreten: mit Baseball-Cap, Designer-Sonnenbrille und Drink-To-Go-Becher in der Hand. Dazu hat sie die Idee, dass der Landvogt das unterdrückte Volk zwingt, dem To-Go-Becher zu huldigen. Also nichts mit Landvogthut auf langer Stange. Was will sie damit sagen? Der Becher als Symbol für eine Wegwerfkultur, wodurch Geslers Macht sich eher als ein absurder, alltäglicher Zwang zeigt, dem sich die Menschen gedankenlos unterwerfen? Oder nur eine nicht so tolle Idee, die andeutet, dass die szenische Überführung von Rossinis Grand opéra auf die tfn-Bühne generell nicht genauso gut gelingt wie die musikalische? Über drei Stunden lang schaut man auf das gleiche dunkle Bühnenbild (Lars Linnhoff): eine Denkmalsäule auf einem Sockel, gerahmt von zwei etwas wackeligen Baumattrappen. Für die dramaturgische Opulenz dieser Oper ist das zu karg. Letztendlich macht aber die großartige musikalische Gestaltung diesen Opernabend zu einem Erlebnis, welches man nicht versäumen sollte. Am Ende erhebt sich das Hildesheimer Publikum geschlossen von den Plätzen und feiert mit Bravorufen und rhythmischem Beifall die Premiere.

Claus-Ulrich Heinke

„Guillaume Tell“ („Wilhelm Tell“) (1829) // Oper von Gioachino Rossini

Infos und Termine auf der Website des Theaters für Niedersachsen