„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Der nüchterne wie absurde erste Satz von Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ gilt als einer der berühmtesten Anfänge der Literaturgeschichte. Die hohen Erwartungen an eine Adaption des Werks beginnen genau bei diesem Satz – und werden am Staatstheater Augsburg auch größtenteils erfüllt.

Gordon Kampes Oper, die in Kooperation mit dem Theater Winterthur uraufgeführt wird, beginnt mit einem einzelnen Akkord: kurz, prägnant, dissonant. Es folgt ein ausgedehntes Vorspiel, in dem schmissige Melodien auf einen düsteren, melancholischen Unterbau treffen. Das Thema für den Abend ist gesetzt. Kampe und sein Librettist Philipp Löhle erzählen Kafkas Text als bitterböse Komödie aus Sicht der Familie Samsa: Detailreich wird die Überforderung der Eltern und der Schwester Grete erzählt, die Gregor weniger als Familienmitglied denn als Brotverdiener und Frühstücksverdiener kennen. Auffällig: Worte wie „Käfer“, „Ungeziefer“ oder vergleichbar klare Bezeichnungen kommen in Löhles Libretto nicht vor, der Text bleibt uneindeutig. Auf diese Weise bleibt Gregor Samsas Menschlichkeit erhalten. Dass Gregor nicht als ein Mensch, sondern als Käfer chorisch von zwei Sängerinnen und zwei Sängern verkörpert wird, liest sich somit weniger als Absurdität, sondern als treffende Abbildung der Entmenschlichung, die psychisch und auch körperlich erkrankte Personen immer wieder erfahren – vor allem, wenn sie durch ihre Erkrankung nicht mehr „leistungsfähig“ sind.

Regisseur André Bücker inszeniert die neue Oper auf dem Sofa der Familie Samsa, die in Kostümen von Aleksandra Kica als zeitlose Spießbürgerfamilie daherkommt. Um das überdimensionierte Möbelstück (Bühne: Felix Weinold) herum wuselt der Gregor-Chor, ergänzt um die Tänzerin Helena Sturm. Sturm sowie das großartige Quartett Rusnė Tušlaitė, Cláudia Pereira, Nicolas Julius Stegmann und Titouan Sevic haben Käferbeinchen und Flügel; die Eindeutigkeit des Kostüms ergänzt sich perfekt mit der Uneindeutigkeit des Textes. Mit wohldosiertem Slapstick inszeniert Bücker die Hilflosigkeit der Eltern (souverän: Kate Allen und Avtandil Kaspeli) und die Zerrissenheit der Schwester. In dieser Rolle begeistert Franziska Zwink, ebenso Olena Sloia als Dienstmädchen irgendwo zwischen Johann Strauss’ Adele und Wednesday Addams. Claudio Zazzaro, Wiard Withold und Shin Yeo ergänzen das Ensemble in verschiedenen Nebenrollen.

„Die Verwandlung“ nach Kafka ist ein ergreifendes Werk über Menschlichkeit, Unmenschlichkeit und Entmenschlichung. Schade, dass für einzelne Videoprojektionen auf KI zurückgegriffen wird. So wie von Videokünstler Alexander Hügel eingesetzt, bietet sie keinen Mehrwert – sie wird nicht diskutiert und tut auch nichts, was ein Mensch nicht oder sogar ausdrucksstärker gekonnt hätte. Dieser Wermutstropfen bleibt in der sonst vollkommen geglückten Premiere.

Adele Bernhard

„Die Verwandlung“ (2026) // Oper von Gordon Kampe

Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Augsburg