Oper Burg Gars • Madama Butterfly Puccinis „Tragedia giapponese“ bleibt trotz starker musikalischer Leistungen einfallslos
Die Oper Burg Gars gilt als größte unverstärkte Freiluft-Oper Österreichs. Anscheinend will man in Sachen „Madama Butterfly“ aber akustisch auf Nummer sichergehen, da die meiste Zeit frontal ins Publikum gesungen wird, was dem Abend viel szenisches Potenzial nimmt.
Zusätzlich setzt Regisseur Matthias von Stegmann keine erkennbaren eigenen Akzente, obwohl die Handlung viele Ansatzpunkte böte: Die 15-jährige Geisha Cio-Cio-San, genannt Butterfly, wird dem amerikanischen Marinesoldaten Pinkerton samt Haus zuerkannt. Er nimmt die Ehe mit Butterfly nicht ernst, sie verliebt sich wirklich in ihn. Pinkerton geht nach Amerika zurück und will drei Jahre später den gemeinsamen Sohn nachholen. Daran zerbricht Butterfly und nimmt sich das Leben.
Während weltweit Häuser den westlichen Blick der Oper kritisch hinterfragen, zelebriert man in Gars Exotismus. Es gibt historisierende Kostüme (Laura Madgé Hörmann) mit Fächern als Kopfschmuck oder als Schleppe an Butterflys Kleid, einen Papier-Pavillon mit Schiebetüren, eine rote Brücke, eine Steinlaterne (Bühne: David Gamel). Die Lampions in den Fensterbögen hingegen sind ein stimmiges Detail – überhaupt hätte mehr mit der Burgruine als Kulisse gearbeitet werden können. Das alles wäre noch hinnehmbar, wenn zumindest irgendwo eine moderne Sicht durchschimmerte. Wenn aber über das Alter Butterflys – sie ist zu Beginn erst 15 – gesungen wird („das Alter von Spielen und Konfetti“) und das von Pinkerton und Sharpless lediglich mit einem Schulterzucken kommentiert wird, ist das eindeutig zu wenig. Generell stehen die Darstellenden meist an der Rampe, ohne wirklich miteinander zu interagieren. Nahezu grotesk wird es, wenn am Ende des ersten Akts Pinkerton und Butterfly einander nicht ansehend – sie hinten auf der Brücke, er vorne – ins Publikum gewandt singen: „Du gehörst mir“ – „Ja, für immer“.
Das ist umso bedauerlicher, da musikalisch so einiges geboten wird: Dirigent Karsten Januschke gelingt es, mit dem Orchester der Burg Gars die einnehmenden Klänge Puccinis ausgewogen zu transportieren. Auch Michał Juraszek sorgt mit seinem knapp 30-köpfigen Chor für einen ausgeglichenen Klangkörper, der bewegt. Eugenia Dushina gibt eine bezaubernde Madama Butterfly, die alles an Ausdruck in ihre Stimme legt und von zart bis kraftvoll-klar Träume, Sehnsüchte und Verzweiflung vermittelt, fulminant gipfelnd in „Un bel dì, vedremo“. Auch Elsa Janulidu als ihre Dienerin Suzuki brilliert mit feinen Nuancen – besonders beim emotionalen „Blütenduett“ mit wundervollen Harmonien gemeinsam mit Dushina. Einzig Tenor Gabriel Arce fehlt als Pinkerton häufig das Volumen, einige Höhen wirken gepresst, weswegen das Orchester ihn mitunter komplett überlagert. Tenor Christian Drescher als Goro hingegen gelingt ein voller Klang, der gleichzeitig leicht wirkt. Paolo Rumetz begeistert mit seinem sonoren Bariton als amerikanischer Konsul. Auch die kleineren Partien wie Dario Sebastiano Pometti als Fürst Yamadori und Jana Stadlmayr als Kate Pinkerton überzeugen. Schade, dass man das stimmlich starke Ensemble nicht mehr szenisch erleben kann.
Christoph Oscar Hofbauer
„Madama Butterfly“ (1904) // Tragedia giapponese von Giacomo Puccini
