Die deutsche Erstaufführung von Olga Neuwirths „Orlando“ in Berlin ist die erste Neuinszenierung des ausufernden Werkes nach der Wiener Uraufführung 2019. Auch von der Komischen Oper fordert sie einen enormen Einsatz. Für den musikalischen Teil hat man sich den Novitäten-affinen, komponierenden Dirigenten Johannes Kalitzke ans Pult ins Schillertheater geholt. Der sorgt für Zusammenhalt und Fluss einer wuchernden, geschichteten und zitatengespickten Musik – auch da, wo sie immer wieder mit Parlando-Passagen durchsetzt ist und das Libretto von der exemplarischen Chronologie der Szenenfolge (im ersten Teil) ins collagenhaft Deklamatorische wechselt.

Mit ihrem Libretto folgen Neuwirth und Catherine Filloux der Romanvorlage von Virginia Woolf. Alma Sadé ist dabei als Narrator gleichsam eine Virginia (Woolf) im Austausch mit ihrem sich immer mehr emanzipierenden Geschöpf. Dieser Orlando wechselt zwischendrin sein Geschlecht und damit seine Perspektive auf die herrschenden Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Er macht sozusagen als Mann im Körper einer Frau deren Erfahrungen.

Die Zeitreise beginnt am Ende des Elisabethanischen Zeitalters in einer Einheits-Guckkastenbühne mit englischem Rasengrün und in spielerisch historisierender Kostümierung. Sie geht in der Oper aber über das Erscheinungsjahr des Romans 1928 hinaus bis in die Gegenwart – eine Herausforderung, die auch ein Problem ist. Die Komische Oper nennt das Werk „The ultimate queer Sci-Fi hybrid Grand opéra!“. Dieses schnoddrige Label trifft die Berliner Inszenierung von Ewelina Marciniak (Regie), Mirek Kaczmarek (Bühne), Julia Kornacka (Kostüme) und Agnieszka Kryst (Choreografie) ganz gut.

Im zweiten Teil, wenn die Rückfälle des 20. Jahrhunderts in die Barbarei abgehandelt sind und alles den Anstrich eines queeren Manifestes bekommt, wird es dann mit den gängigen überholten Schwulen-Klischees etwas übertrieben – zumal die eigentlich in emanzipatorischer Liberalität aufgehen sollten. Immerhin wird deutlich, wie schwierig es ist, mit unterkomplexen Bildern und Losungen gegen einen drohenden Rückfall der erreichten Selbstermächtigung durch den Vormarsch des Unterkomplexen Front zu machen. Das wohl anvisierte Opus magnum zur Geschichte patriarchalischer Unterdrückung ist „Orlando“ doch nicht geworden. Am Ende bleibt das Statement der Titelfigur: „Ich bin, wie ich bin, und schreibe.“

Ema Nikolovska hat sich die Titelpartie imponierend anverwandelt. Günter Papendell profiliert jenen Shelmerdine, den Orlando als Frau tatsächlich mal liebt und heiratet. Wie schon in Wien ist Counter Eric Jurenas der Guardian Angel. Karolina Gumos (Elizabeth I) und Anna Nekhames (Sasha) liefern markante Porträts, Non-Binary Performer Kevin(a) Taylor ist Orlandos zum Mitstreiter gewordenes Kind. Chöre und die maßgeschneidert auf die Musik choreografierten Tänzer tragen ihrem Teil zum Ganzen bei. Das Premierenpublikum folgt gutwillig.

Roberto Becker

„Orlando“ (2019) // Eine fiktive musikalische Biografie von Olga Neuwirth

Infos und Termine auf der Website der Komischen Oper Berlin