Komische Oper Berlin • Mokka-Hits und Milchbar-Träume Eine neue DDR-Revue liefert den Soundtrack zur Geschichte eines Landes
Lässt sich die Geschichte eines gestrandeten Landes als quietschbunte Revue erzählen, ohne nostalgische Verklärung oder banale Klitterung? Die Komische Oper Berlin versucht das und landet einen Volltreffer. „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ durchstreift die DDR von der Gründungsphase bis zum Exitus auf der Folie überraschend haltbarer Musik. Regisseur Axel Ranisch hat das Stück mit Dirigent Adam Benzwi entwickelt, üppig Bonbon-Effekte addiert, glitzernd ausstaffiert – und punktgenau, hoch vergnüglich und zugleich nachdenklich samt Showtreppe und Ballett in Szene gesetzt. Das Publikum jubelt.
Erfreulicherweise schliddert das kreative Duo nie in die Sackgasse nur lustbetonten, aber inhaltsleeren Entertainments. Das würde die Machenschaften eines autokratischen Regimes erschreckend simplifizieren. Die ausgesuchten Schlager und Chansons bilden den raffiniert ausgelegten Resonanzboden für Veränderungen in der DDR, von kämpferischem Aufbruch zu Beginn bis zum Garaus mit dem Mauerfall 1989: eine turbulente, geraffte Zeitreise mit Stationen zwischen abgeräumten Trümmerbergen, Prosperität und Konsumgier, Resignation und Implosion.
Kulisse dafür bietet ein Format, das stark an die erfolgreichste Unterhaltungssendung des DDR-Fernsehens erinnert. „Ein Kessel Buntes“, das war einst Swinging Sozialismus mit kleinen Türöffnungen gen Westen. So durften einige Stars des kapitalistischen Klassenfeindes auch mal zur Stippvisite nach Ost-Berlin, zum Beispiel Katja Ebstein. Die tritt in der Revue gleich im Dutzend auf, gesungen von der umwerfenden Gisa Flake, die schlicht eine Wucht ist und mit parodistischem Feinsinn die Vergangenheit in Schräglage navigiert.
Thorsten Merten als nörgelnd schwadronierender Kommentator akzentuiert kabarettistischen Tonfall, Nico Holonics als energetisch aufgeladener Bürger auf Sinnsuche reicht ihm munter das Wasser. Neben den prominenten Akteuren glänzen Mirka Wagner in Gestalt einer Tourismus-Expertin, Maria-Danaé Bansen mit berlinernd kritischer Schnodderschnauze, Johannes Dunz als tenoraler Strahlemann auf den Spuren von Karel Gott sowie Philipp Meierhöfer als schnulzig schmachtender Al Bano Power. Alle springen in schäumender Laune durch die zahllosen Charaktere und Rollen und zeichnen klare Konturen, immer mit ironischer Fallhöhe.
Ohne Ballett und Chor, beide fulminant, geht gar nichts in diesem aufgehübscht plakatierten Wunderland der Tagträume. Was da einst gesungen und getanzt wurde, erwies sich als Opium fürs Volk, abseits von Unfreiheit und Mangelwirtschaft. Trotzdem reflektieren die Songs seismografische Schwankungen. Verbreiten die frühen Lieder fast marschartigen Fortschrittsglauben, vermittelt die Musik ab den späten 60er Jahren wie Holger Bieges „Cola-Wodka“ eher unbeschwerte Lebensfreude, während aus den Endzeitliedern mehr Wehmut oder Melancholie sprechen. Mit Blick auf die Konkurrenz jenseits der Mauer erfanden Kulturschaffende neue Modetänze, zum Beispiel 1959 den Lipsi. Ein paar ergreifend vorgetragene Chorsätze streut Adam Benzwi ein, Hanns Eisler und Wolf Biermann natürlich und reichlich Pop, darunter die Rumba „Berliner Lage“ oder Songs aus Gerd Natschinskis Film-Erfolg „Heißer Sommer“, der sogar den Sprung in USA-Kinos schaffte. Orchester und Combo entfachen mit den knackfrischen Arrangements ein fantastisches Klangfeuer.
Ranisch und Benzwi wollen keine historische Abfolge, keine analytische Bewertung, zeigen indes hinter der funkelnden Kulisse die Schattenseiten, flott aufpoliert, famos vom Ensemble ausgehorcht, mit viel Wirbel auf die Bühne gehoben, oft witzig umflort, manchmal mit ernster Note. Damit das klappt, liefern das Bühnenbild von Saskia Wunsch, Alfred Mayerhofers Kostüme und Choreograf Christopher Tölle die passenden Zutaten. Zwischen Bitterfelder Biedermeier, Friedenspostulaten und Friedrichstadt-Glamour erweist sich „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ als unterhaltendes Musiktheater vom Feinsten.
Jürgen Rickert
„Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ (2026) // Revue von Axel Ranisch und Adam Benzwi
