Das „Decamerone“ des Renaissance-Dichters Giovanni Boccaccio galt lange als pornographisches Skandalbuch. Trotzdem wurde die Novellensammlung zum Bestseller und 1879 sogar zum Operettenstoff. Franz von Suppè vertonte vier Novellen daraus und machte den Dichter zum Helden seiner eigenen Geschichte – als Hosenrolle, allerdings in ziemlich abgemilderter Form.

Beim Lehár Festival Bad Ischl will man wieder mehr „Decamerone“ wagen und spielt das einstige Erfolgsstück deshalb in einer Bearbeitung der Dramaturgin Jenny W. Gregor, die vielversprechend beginnt: Kaum fängt die Ouvertüre an, wird sie durch den Auftritt des Titelhelden unterbrochen – ein Autor auf der Suche nach seinen Figuren. Die treten dann aus dem Publikum auf, in Alltagsklamotten, und bekommen die Chance, auf der Bühne ihre „Decamerone“-Momente zu erzählen. Statt dreier Akte also zehn Episoden, jeweils erzählt von einer der Figuren.

Doch als dieselben Menschen wieder auf der Bühne erscheinen, tragen sie historische Kostüme und haben sich in Operettenfiguren verwandelt: mannstolle ältere Damen, hysterisch kreischende Ehefrauen oder treudoofe Ehemänner. Und so agieren sie auch in der Inszenierung von Intendant Thomas Enzinger. Die einzelnen Erzählepisoden werden kaum kommentiert, aktuelle Bezüge nur selten hergestellt und das doch etwas antiquierte Frauenbild so gut wie gar nicht gebrochen. Stattdessen geht es zu wie auf einem Wimmelbild, das zu entschlüsseln fast bis zur Pause dauert. Die wenigen Dialoge helfen auch nicht weiter, noch dazu sind die Gesangstexte nur schwer zu verstehen. Vor lauter Episoden erkennt man die Geschichte nicht. Nur Boccaccios Liebesgeschichte mit der jungen Fiametta ist so etwas wie ein roter Faden. Ansonsten verflüchtigt sich das Konzept der Neubearbeitung allzu oft in Operettenklischees.

Dabei gibt sich das spielfreudige Ensemble alle erdenkliche Mühe – allen voran die souveräne Christina Sidak in der Titelrolle. Ihr ausdrucksstarker Mezzo harmoniert vor allem mit dem lyrischen Sopran von Maria Ladurners Fiametta prächtig. Die Duette der beiden sind die wenigen emotionalen Ruhepunkte in einer ziemlich klamaukigen Burleske rund um die Ehepaare Lotteringhi und Lambertuccio. Bis auf ein paar politische Couplet-Strophen hat das aber nur wenig Biss und selbst die Verbrennung von Boccaccios Büchern – die gibt es tatsächlich schon bei Suppè – bleibt erschreckend harmlos.

Obwohl Choreograf Lukas Ruziczka daraus mit wehenden, rot glitzernden Schleiern ein farbenfrohes Revuebild macht, denkt man sofort an andere Bücherverbrennungen. Doch keine Spur davon auf der Bühne, dabei hätte man solche Brüche ins Aktuelle gerade von einer Neufassung erwartet. Wenigstens bieten Stefan Wiels Botticelli-Bühnenbild und Sven Bindseils Renaissance-Kostüme einen opulenten Augenschmaus.

Noch üppiger geht es zum Glück musikalisch zu. Suppès Partitur ist voller Italianità, prachtvoller Chornummern, opernhafter Ensembles und vor allem voller Einfälle. Ein Ohrwurm jagt den nächsten, serviert vom bestens gelaunten Franz Lehár-Orchester unter Christoph Huber. Die Musik hat sich deutlich besser gehalten als die Handlung, die – so dargeboten – längst nicht mehr zum Skandal taugt; höchstens vielleicht noch zu einigen feministischen Protesten.

Stefan Frey

„Boccaccio“ (1879) // Operette von Franz von Suppè

Infos und Termine auf der Website des Lehár Festivals Bad Ischl