Man täusche sich nicht: Auch wenn Pietro Metastasio sein 1735 für eine Privataufführung am Wiener Hof geschaffenes Libretto „Le Cinesi“ betitelt hat, kommen China oder die dort lebenden Chinesinnen allenfalls als Dekor vor. Als schmückendes Beiwerk, dem damals modischen Exotismus huldigend, wie er sich nicht zuletzt auch in den Chinoiserien ausdrückte, kostbar gefertigten Porzellanfiguren, wie sie in den Manufakturen in Wien oder auch Ludwigsburg gefertigt wurden. Dort wurden die „Cinesi“ 1765 gespielt und jetzt für die Ludwigsburger Schlossfestspiele wiederentdeckt, als Koproduktion mit der Opéra Royal du Château de Versailles.

Charles Di Meglio vermeidet in seiner hinreißend genialen Neuinszenierung der „Cinesi“ in der 1754 entstandenen Vertonung von Christoph Willibald Gluck plumpe Aktualisierungsversuche oder Spaß-Mätzchen, wie man sie bei Barockopern immer wieder über sich ergehen lassen muss. Er respektiert den dramaturgischen Ausgangspunkt von Metastasios Stück: Drei Mädchen trinken miteinander Tee und langweilen sich, bis Lisingas Bruder Silango bei ihnen vorbeischaut. Sie spielen einander Theaterszenen vor und streiten darüber, ob das Drama, die Komödie oder die Pastorale die wertvollere Gattung sei. Weil sie sich nicht einigen können, wählen sie als Kompromiss das Ballett.

Di Meglio entwickelt daraus ein sprudelnd quirliges, lebendiges Spiel und pointiert vortrefflich die vier unterschiedlichen Typen: den schwärmerischen Liebhaber Silango, die pathetische Lisinga, die verspielte Sivene und die schalkhaft komödiantische Tangia. Alle vier eint ausgezeichnete Textverständlichkeit und musikalische Charakterisierungskunst.

Juliette Mey als Lisinga durchdringt in ihrer dramatischen Szene der Andromache die ganze Verzweiflung dieser altgriechischen Tragödin. Flore Royer setzt als durchtrieben komödiantische Tangia den spöttischen Kontrapunkt dagegen, blütenzart timbriert und klar artikulierend. Sarah Charles lässt ihre Sivene koloraturengewandt als Hirtin im Schäferspiel kokettieren, wie auch Abel Zamora ausdrucksvoll und höhensicher bis ins souverän geführte Falsett-Register den Silango gibt.

Im Zusammenwirken mit Glucks Musik zeigt sich, dass das Stück eben gar nicht so dünn ist, wie es zunächst den Anschein haben könnte, sondern eine tiefsinnige künstlerische Aussage über die Gleichwertigkeit aller Theatergattungen im Sinne eines Gesamtkunstwerks trifft. Beim Dirigenten Andrés Gabetta und dem Orchestre de l’Opéra Royal du Château de Versailles ist dieses wohl aufgehoben. Er arbeitet sogar jedes einzelne Secco-Rezitativ sorgfältigst aus, lässt Cembalo und Continuo-Cello zu gleichsam mitsprechenden Akteuren werden. Inspiriert und elegant, im Mittelsatz auch anmutig, macht er aus der einleitenden Sinfonia („Le Midi“ von Joseph Haydn) ein delikates Kabinettstückchen. Mit dem wirbelnd mitreißenden Schluss-Ballo wird das Publikum im altehrwürdigen Residenztheater zu begeistertem Applaus animiert.

Dr. Jörg Riedlbauer

„Le Cinesi“ (1754) // Azione teatrale von Christoph Willibald Gluck