Oper im Steinbruch • Tosca Eine himmlische „Tosca“ setzt neue Maßstäbe
Multitalent Thaddeus Strassberger (Regie und Bühnenbild) gelingt mit seiner „Tosca“ ein Abend zum Staunen. Echter Kalksandstein trifft auf Bühnen-Marmor: Ein gigantisches Kirchenportal thront mitten im Steinbruch, seitlich mehrere Kapellen und Nebenaltäre. Drumherum zerschlagene Tafeln, kopflose Engelsstatuen, zerbrochene Inschriften, ein Haufen an Stühlen – die Napoleonischen Kriege haben ihre Spuren hinterlassen. Gemälde, Wände, Inschriften sind unglaublich detailverliebt, nahezu naturalistisch – häufig Anspielungen an den realen Schauplatz. Einziger Wermutstropfen: Die regelmäßig bespielten drei großen Glocken über dem Portal hätten echt sein können, da sie mit jedem ungenauen Schlag das Publikum aus der Illusion reißen. Der Höhepunkt: Während des monumentalen „Te Deum“ tut sich das Portal auf, auf einer riesigen weißen Treppe liegt Tosca von Engeln mit Speeren in Schach gehalten. Dann fährt die gesamte Treppe nach vorne. Vor all dem wird ein riesiger Weihrauchkessel geschwungen – herrlich unterstrichen von Driscoll Ottos punktegenauem Lichtdesign. Strassbergers Taktik: Wenn man aus dem Staunen nicht mehr rauskommt, noch einen draufsetzen.
Während er die Figuren ihr Spiel aus Liebe, Eifersucht und Verrat in einer brutalen Polizeidiktatur entfalten lässt, setzt er pointierte Akzente und baut eine Vielzahl ikonografischer Anspielungen ein, etwa wenn Cavaradossi am Kreuz gefoltert wird und ihm beim Erschießen links und rechts zwei andere Delinquenten zur Seite gestellt werden. Trotzdem nimmt Strassberger seine historische Inszenierung augenzwinkernd, wie wenn der Mesner Weintrauben im Taufbecken wäscht. Giuseppe Palella greift mit den Kostümen diesen Gedanken auf, orientiert sich an der damaligen Zeit, setzt aber mit schwarzen Masken und Ledermänteln bei Scarpias Schergen oder mit viel Gold und Glitzer bei Tosca und Scarpia bewusste Brüche. Unnötigerweise lässt Strassberger seine Tosca einen Schergen Scarpias erdrosseln, womit er sie zu einer kaltherzigen Mörderin macht. Direkt danach aber der grandiose finale Twist: kein Sprung, sondern Transzendenz – das Portal geht ein zweites Mal auf, Tosca steigt empor und triumphiert engelsgleich mit geschwungenem Schwert über Scarpia. Einfach himmlisch!
Joyce El-Khoury brilliert als Tosca mit einer feinen Mischung aus klarem, verspieltem und düsterem Timbre – herzzerreißend legt sie Eifersucht und Verzweiflung in ihre Stimme. Yongzhao Yu trumpft als Cavaradossi mit höchst emotionalem Schmelz, sein perfektes „E lucevan le stelle“ unterm echten Sternenhimmel ist eines der vielen Highlights. Die Duette zwischen Tosca und Cavaradossi sind zum Dahinschmelzen, mit welcher Leichtigkeit die beiden die Höhen im finalen „Amaro sol per te“ hinschmettern, macht sprachlos. Gevorg Hakobyan schafft es, Scarpia stimmgewaltig den nötigen Zorn zu verleihen, Volodymyr Morozov gibt den Angelotti verzweifelnd und kämpferisch, manchmal etwas dumpf. Ivan Zinoviev verleiht dem Mesner etwas verspielt Leichtes, dem Sciarrone etwas Fanatisches. Gemeinsam mit einem wundervoll ausbalancierten Orchester unter Valerio Galli setzt der Abend auch musikalisch Maßstäbe, die man sich für künftige Produktionen als Referenz wünscht.
Christoph Oscar Hofbauer
„Tosca“ (1900) // Melodramma von Giacomo Puccini
