Søholm Opera (Samsø) • Opera in Unlikely Places Auf Entdeckungstour mit Humperdinck, Rossini und Britten
„Hänsel und Gretel“ im größten Baum-Labyrinth der Welt, „La Cenerentola“ im Innenhof eines alten Bauernhauses, „A Midsummer Night’s Dream“ in der historischen Getreidehalle eines Hafens, Opern- und Musicalarien auf dem ländlichen Flughafen und jeden Morgen Atmen und Singen für jedermann – das ist das Festival „Opera in Unlikely Places“. Eine Woche lang bezaubert es die Menschen auf der dänischen Insel Samsø. Vor über zehn Jahren entwickelte das Musiker- und Manager-Ehepaar Lise Christensen und Mike Bracegirdle dieses spezielle Projekt. „Wir wollen, dass so viele Menschen die Magie der Oper erleben“, begründet Christensen die ungewöhnlichen Aufführungsorte. „Deswegen gibt es dieses Jahr auch freien Eintritt zu allen Veranstaltungen.“ Zu diesem niederschwelligen Zugang passt es, dass die Opern gekonnt auf maximal 90 Minuten gekürzt werden, wobei eine Erzählerin die Zusammenhänge herstellt. In diesem Jahr übernimmt das voller Erzählfreude die multibegabte Sängerin Helene Hvass. Insgesamt gilt: Auch bei niederschwelligem Zugang haben alle Veranstaltungen hohes künstlerisches Niveau.
Die Szenen aus Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ findet das Publikum im Baum-Labyrinth nach Umwegen. Schließlich aber stehen alle dicht gedrängt um einen kleinen Platz und erleben hautnah Hänsels und Gretels Neckereien und den Geschwistertanz „Brüderchen, komm tanz mit mir …“ Dabei duettieren Emma Oemann und Frederikke Kampman als Hänsel und Gretel mit bestens ausgebildeten Stimmen und ansteckender Spielfreude. Stina Bruun Schmidt geht als stimmgewaltige Mutter wütend dazwischen, bis sich Leif Jone Ølbergs warmer Bariton weit her aus dem Wald mit fröhlichem „Ral-la-la-la“Gesang als heimkehrender Vater ankündigt. Später erlebt man Hänsel und Gretel singend in geschwisterlichen Tändeleien zwischen den Bäumen, während von überall her Kuckucksrufe tönen. Eine einmalige Waldatmosphäre ist das. Den zauberhaften Höhepunkt bereitet an anderer Stelle mit hinreißend schönem Sopranklang Cassandra Lemoine als Sand- und Taumännchen. Die Picknickhütte des Labyrinths wird schließlich zum erneut eng umstandenen Ort des furios gesungenen und gespielten Finales. In der Doppelrolle als Hexe erlebt man noch einmal Stina Bruun Schmidt, diesmal mit gruseliger Niedertracht. Als Wanderorchester der heiklen Humperdinck-Musik fungiert fingerfertig der Akkordeonist Frode Andersen. Erfüllt verlässt man das Labyrinth, weil bei diesem Open-Air-Ereignis einfach alles stimmt.
Das gleiche Ensemble serviert mit Rossinis Opernhit „La Cenerentola“ auf dem Innenplatz des Museumsbauernhofes einen Riesenspaß. Ergänzend kommen dazu: William Ottow (Don Ramiro mit elegantem Belcanto) und Andrew Slater (ein Altmeister großer Charakterrollen als Don Magnifico). Unter strahlender Sonne wird in eher trashigen Kostümen parodistisch-humorvoll mit genau durchgearbeiteten Ensembles glänzend gesungen und gespielt, alles mit prickelnd italienischem Esprit. Souverän vom E-Piano aus leitet Steven Moore die Szene. Er ist Chordirektor der Königlichen Oper Kopenhagen.
Als krönenden Abschluss gibt es Szenen aus Brittens Erfolgsoper „A Midsummer Night’s Dream“ in der weitläufigen, ehemaligen Kornhalle am Frachthafen der Insel. Neu dabei ist der berückend schön singende Countertenor Steffen Jespersen als Oberon. Zu bewundern: Nur mit leuchtenden, beweglichen Leitern entstehen immer wieder wechselnde Bühnenatmosphären – und Helen Hvas im blitzschnellen Wechsel zwischen dänischer Erzählerin und Englisch sprechendem, großartig agierendem Puck. Steve Moore spielt erneut kenntnisreich am E-Piano, welches ab und zu auch als Celesta, Glockenspiel oder Schlagzeug eingesetzt wird. Und bei allen Sängerinnen und Sängern erklingen begeisternde Stimm- und Spielqualitäten.
Regisseurin Natascha Metherell prägt mit ihrer präzise durchgearbeiteten, einfallsreichen Inszenierungskunst das Bühnengeschehen aller drei Opern. In ihrer Personenführung berührt auch der psychologische Widerschein, den sie als studierte Neurowissenschaftlerin einbringt. Die stehenden Ovationen gelten nicht nur für diesen Abend, sondern für das ganze Festival.
Claus-Ulrich Heinke
„Hänsel und Gretel“ (1893) // Märchenoper von Engelbert Humperdinck
„ La Cenerentola, ossia La bontà in trionfo“ (1817) // Melodramma giocoso von Gioachino Rossini
„A Midsummer Night’s Dream“ („Ein Sommernachtstraum“) (1960) // Oper von Benjamin Britten
