KI-„Ring“, Abend zwei. Die Bilderflut und allzu schnelle Veränderung einzelner Projektionen hat sich erheblich beruhigt – und sofort wird das ungewohnte Inszenierungskonzept ansehnlicher, effekt- und auch eindrucksvoller.

Anders als das szenisch ständig voranschreitende „Rheingold“ bietet die „Walküre“ mit ihren Momenten der Reflexion (wie dem langen Dialog zwischen Siegmund und Sieglinde), der Todverkündigung und Wotans Monolog im zweiten Aufzug bessere Gelegenheiten, auf den Gaze-Vorhängen Erinnerungen an die Aufführungsgeschichte des „Rings“ in Bayreuth aufflammen zu lassen. Mithilfe assoziativer Darstellungen werden filmische Ebenen als eigenständige Erzählinstanzen geschaffen. Zu sehen sind nun viel ruhigere Phasen und immer, wenn der vordere Vorhang nicht bebildert wird, ergibt sich sogar ein wirkmächtiger Raumeindruck. Denn dann sind die Sängerinnen und Sänger als gut ausgeleuchtete, begrenzt im Raum agierende Individuen viel besser wahrzunehmen. Das fördert in zeitweise beeindruckender Art und Weise die musiktheatralische Interpretation im Einklang mit den Bildern auf dem hinteren Vorhang – und erzeugt bei aller gewünschter Reduktion in Kostüm und Aktion auch inszenatorisch intensivere Momente.

Besonders interessant sind diesmal die Bühnenbildreferenzen aus älteren Bayreuther Inszenierungen. Sie werden oft länger gehalten und strahlen mehr Ruhe aus als die dann wieder einsetzende Bilderdynamik der KI. Das ergibt bisweilen fantastische und mythisch wirkende Bühnenbilder, die der wohl auch vom Komponisten angedachten „Ring“-Ästhetik nahekommen. Aus den unmittelbar folgenden KI-generierten Bildern lässt sich bei Weitem keine so passende Assoziation mit dem Bühnengeschehen erkennen. Es offenbart sich eine Diskrepanz zwischen den höchstwahrscheinlich vom Dramaturgen Andri Hardmeier nach eigenem Ermessen eingestellten Szenenbildern und den mittels KI weitgehend unbeeinflusst entstehenden Bildwelten.

Damit tut sich die Frage auf, inwieweit der Digital- und KI-Storyteller Roman Senkl die „Ring“-Geschichte wirklich kennt und durchdacht hat. Vielleicht gab es auch einfach nur zu wenige Proben, wofür einiges spricht, übrigens auch Kurator Marcus Lobbes selbst. Thematisch ist es jedenfalls durchaus passend, die vielen Eindrücke verflossener Bayreuther „Ring“-Inszenierungen in diesem KI-basierten Regiekonzept zum 150. Jubiläum einzubauen. Das wird dem Anlass voll gerecht.

Musikalisch gerät auch die „Walküre“ einfach fantastisch. Christian Thielemann spielt einmal mehr seine ganze Erfahrung mit den Besonderheiten des mystischen Abgrunds aus, in dem das famose Festspielorchester mit ultimativer Klasse musiziert. Da werden Tempi gewählt, die in vollem Einklang mit der Szene stehen, subtile Momente wie die Todverkündigung eindrucksvoll zurückgenommen, ohne je den großen Spannungsbogen zu verlieren, und dramatische Steigerungen ins perfekte musikalische Licht gerückt. Es ist ein Glück und vielleicht sogar großes Geschenk, dass Thielemann am Hügel wieder maßgeblich engagiert ist – er ist der Garant für den wahrscheinlichen Fast-Ausverkauf dieses Interim-„Rings“.

Klaus Florian Vogt singt einen engagierten und kraftvollen Siegmund, wie man ihn schon oft von ihm gehört hat. Michael Volle triumphiert als Wotan und bekommt den meisten Applaus unter den Sängern. Er ist derzeit wohl der führende Rollenvertreter, zusammen mit Camilla Nylund in der Partie der Brünnhilde (diese gemeinsam mit Catherine Foster und Iordanka Derilova aus Dessau). Nylund hat eine wunderschöne Stimme, keine hochdramatische, was aber auch gar nicht erforderlich ist bei ihrem Gesangs-Stil; ein Mittelding zwischen jugendlich-dramatisch und hochdramatisch, vielleicht eine „jugendlich-hochdramatische“ Brünnhilde.

Anna Kissjudit ist wie schon im „Rheingold“ eine eindrucksvoll warm und dunkel timbrierte Fricka. Mika Kares singt den Hunding klangschön mit seinem gut geführten, etwas helleren Bass. Die dunkle Dimension der Figur kann er damit – fast „zu nett“ – aber nicht ganz ausleuchten. Elza von den Heever, eine bewährte Sieglinde, hat nicht ihren besten Tag. Die Stimme klingt etwas verhärtet und lässt an Wärme missen. Die Walküren agieren bis auf Magdalena Hinterdobler (Helmwige) festspielreif und im Chor ohnehin sehr gut.

Unterm Strich überzeugt das Konzept der KI-generierten Opernregie diesmal schon mehr als am Vorabend. Es könnte ein relevanter neuer Versuch sein, die Kunstform Oper in einem anderen, teilweise neuen Licht darzustellen, obwohl im Musiktheater und schon gerade bei Richard Wagner und seinem Gesamtkunstwerk an einer mit entsprechender Personenregie versehenen Inszenierungspraxis nichts vorbeiführt und es auch nicht sollte. Aber die KI könnte dabei künftig vielleicht eine Rolle spielen, so wie sie es auch immer mehr in unserer Gesellschaft tun wird. Kunst kann sich schließlich nie abgekoppelt von der Gesellschaft entwickeln.

Dr. Klaus Billand

„Die Walküre“ (1870) // Erster Tag des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner

Infos und Termine auf der Website der Bayreuther Festspiele