Die Mindener Produktion von Richard Wagners aufwendigster Oper gerät in mehrfacher Hinsicht überwältigend beglückend. Das zum ehrgeizigen Zyklus gesteigerte, 2002 begonnene Großprojekt aller Wagner-Opern ab „Der fliegende Holländer“ endet mit einem Höhepunkt, der die exklusive Position der Bayreuther Festspiele gleichermaßen bestätigt und relativiert. Trotz der fulminanten Gesamtleistung und so gut wie ausverkaufter Vorstellungen steht die Fortsetzung leider in den Sternen.

In Jakob Peters-Messers Regie der 1868 in München unter König Ludwig II. von Bayern uraufgeführten Oper wird der Schusterpoet Hans Sachs auf der Vorbühne von allen verlassen. Dahinter plärrt der in Konzertaufstellung höchst präsente Opernchor coruso dessen Ausrutscher über nationale Kunst nach. Heute gäbe es dafür Shitstorms und soziale Stigmatisierung. Andererseits greift der populistische Pöbel im Wortsinn nur das auf, was er verstehen will, und negiert den differenzierenden Hintergrund. Das Orchester auf der Hauptbühne, der Chor dahinter und die Solisten auf der Vorbühne generieren im Stadttheater Minden mit seiner splendiden Akustik eine intensive Nähe zum Publikum.

Guido Petzold setzt den dekorativen Rahmen – wenige Holzmöbel und Requisiten. Dazu sinnfällige Videos mit der Nürnberger Meistersinger-Tabulatur aus dem 16. Jahrhundert, dem Typoskript von Walthers Preislied als poetische Überhöhung, vielen Gesichtern aus der realen Stadtgesellschaft Mindens und einem Weser-Panorama mit der Porta Westfalica und sommerlicher Flusslandschaft. Das besagt, dass die Herausforderungen zur Positionierung dieser fragwürdigen Nationaloper zwischen Idylle, falschem Patriotismus, dem hier mit humaner Botschaft ausgeblendeten Antisemitismus und Soziotopographie in Nürnberg, Bayreuth und Westfalen die gleichen bleiben.

Gegenwartsmenschen begeben sich am Beginn ins Spiel. Sie lüpfen Verkleidungen mit Renaissance-Attributen von Angela Schuetts Kostümständern. Sie gucken immer wieder in „Meistersinger“-Klavierauszüge, springen später je nach Situation von der direkten Handlung in objektivierende Beobachtung und zurück. Die Textverständlichkeit ist meist gut und immer in der genau richtigen Balance zwischen Konversation und Melodie. Simon Bailey ist ein exemplarischer Solitär in dieser Premiere, der Hans Sachs mit einer lyrischen und gar nicht altersweisen Kraft umgibt. Durch ihn wird Sachs’ Verzicht auf Eva zum Hauptthema: nicht in Überpixelung von Diktion und Darstellung, sondern mit einem bemerkenswert unspektakulär sensiblen Fluss. Die acht sogenannten kleinen Meister sind intensiv gefordert: Leon Noel Wepner (Kunz Vogelgesang), Frieder Flesch (Konrad Nachtigall), Václav Vallon (Balthasar Zorn), Ilya Silchuk (Ulrich Eisslinger), Steffen Schantz (Augustin Moser), Mykola Piddubnyk (Hermann Ortel), Oscar Marin-Reyes (Hans Schwarz) und Maurice Giancarlo Avitabile (Hans Foltz). Ohne Zusatz-Personnage wuppen sie die Prügelfuge sogar mit einer Hetzjagd durch den ersten Rang.

Frank Beermann und die Nordwestdeutsche Philharmonie sind sogar in der dichten Wagner-Umkreiskonkurrenz von Hannover, Dortmund und Hamburg bewährungsfähig. Begeisterndes gelingt: Gerade in diesem kleinen Raumvolumen bleiben die „Meistersinger“ mit Absicht eine großrauschende Wagner-Oper. Das begünstigt diese Liebeserklärung an ein „armes“ Theater, in dessen Mittelpunkt nicht nur als Lippenbekenntnis die Menschen und das mit jedem Takt ernst genommene Werk stehen.

Kathrin Göring gibt Evas Freundin Magdalene schlichtweg ideal. Emma McNairy ist eine selbstbewusste Eva, die mit angesagter Indisposition eher die Kraft als die Schutzlosigkeit der von ihrem Vater zur Heiratsware deklarierten Frau zeigt. Die beiden Hauptpartien-Tenöre sind die größte Überraschung von Minden. Jussi Myllys ist in dieser Spitzenkategorie eine ähnliche Neubewertung des Walther wie die durch Michael Spyres in Bayreuth. Und der David von Stephen Chambers besteht daneben als Darsteller und Sänger mit hoher Finesse. Er zieht in seinen wichtigen Szenen die Augen und Ohren immer voll auf sich. Christoph Seidl zeigt die Widersprüche von Evas Vater Pogner auch in der Stimmführung. Michael Borth dürfte die vielen Aufwertungen und Rehabilitierungen des Sixtus Beckmesser der letzten 30 Jahre noch übertreffen. Johannes Schwarz ist ein schön singender Kothner. 15 Minuten Premieren-Ovationen klingen nicht so, als könnten sich die Initiatoren des Richard Wagner Verbands jetzt aus der Mindener Opern-Projektschmiede zurückziehen.

Roland H. Dippel

„Die Meistersinger von Nürnberg“ (1868) // Oper von Richard Wagner

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