Tiroler Festspiele Erl • Der fliegende Holländer „Der fliegende Holländer“ durchdringt die Holzfassade
Zu den diesjährigen Festspielen verspricht Intendant Jonas Kaufmann „außergewöhnliche Musiktheatermomente“ – allen voran Wagners wegweisendes Werk „Der fliegende Holländer“ im Erler Passionsspielhaus, Österreichs größtem Parterretheater. Josef E. Köpplingers Neuinszenierung nimmt das Publikum mit in eine mythische Welt voller Sehnsüchte.
Nur durch die ewige Treue einer Frau kann der zu ewiger Schifffahrt verfluchte Holländer Erlösung finden. Senta, die Tochter des Seefahrers Daland, teilt sein Verlangen. Den gesamten ersten Aufzug über strahlt sie stumm an der Bühnenkante wie ein Leuchtturm, sehnsüchtig Ausschau haltend. Ein Filmprojektor lässt ihre Fantasiewelt auf den holzverkleideten Wänden erscheinen, ihre eskapistischen Gedanken projiziert sie auf den Fliegenden Holländer. So wie ihre Ballade im zweiten Aufzug die Keimzelle der Komposition bildet, macht Köpplinger sie als Figur zur Quelle und Lenkerin der Geschichte.
Die Holzverkleidung, die sich durch das Zuschauerhaus samt Bühnenraum zieht, erinnert an ein Schiff. Seeleute besteigen den lebensgroßen Mast, selbst das in der Bühnenmitte platzierte Orchester wird als treibendes Segel Teil des Gesamtbildes; die Geschehnisse entstehen direkt aus der Musik heraus. Unter der Leitung von Chefdirigent Asher Fisch entfaltet sich die dynamische Vielschichtigkeit der Partitur. Die ausgefallene Architektur des Passionsspielhauses verdichtet auch klanglich, sodass die ungewohnte Nähe zu den Sängerinnen und Sängern für die Ohren wirkungslos bleibt. Dennoch trotzt die gewaltige Meeresmusik der dumpfen Akustik und überflutet den Raum, der die Zuschauer mithilfe von Projektionen in seine Welt zieht.
Die Bühne von Rainer Sinell ergänzend, verwandelt das Videodesign von Meike Ebert, Christian Gasteiger und Raphael Kurig den Raum in einen Ozeansturm und einen frühindustriellen Nähsaal. Birte Wallbaums stimmige Kostüme verleihen den Seefahrern des 19. Jahrhunderts einen zeitgenössischen Look mit historischen Elementen.
Nina Bezu trägt als lebendige Senta den Abend. Kraftvoll und charakterstark gibt sie die legendäre Ballade vom Fliegenden Holländer zum Besten. Christopher Maltmans Holländer zieht sie und das Publikum mit seiner kernigen Präsenz und dunklem Timbre in den Bann. Ihre innige Verbindung, die in gegenseitiger Erlösung gipfelt, berührt besonders. Gábor Bretz’ Daland porträtiert die Vaterfigur schön zwischen Tochterliebe und Habgier, geht aber klanglich etwas im Meeresrauschen unter. Mit pulsierendem Vibrato und leidenschaftlicher Hingabe interpretiert Jamez McCorkle den aufdringlichen bis nervigen Liebhaber Erik. Shannon Keegan als Mary ist hier die Vorarbeiterin der Fabrik, wie eine Schwesterfigur Sentas und nimmt am Ende das Stromkabel selbst in die Hand, um der Träumerei ein Ende zu setzen.
„Wann dröhnt er, der Vernichtungsschlag, mit dem die Welt zusammenkracht?“ Im abgelegenen Erl scheint die Welt ein Stückchen heiler zu sein, denn auch wenn der Klang ab und an in den Meereswellen versinkt, bietet dieser Wagner-Abend in der Tat ein außergewöhnliches Erlebnis.
Celina Larab
„Der fliegende Holländer“ (1843) // Romantische Oper von Richard Wagner
Infos und Termine auf der Website der Tiroler Festspiele Erl
