Opernhaus Zürich • Rachmaninow – Die drei Opern Dmitri Tcherniakov verschränkt „Aleko“, „Der geizige Ritter“ und „Francesca da Rimini“
Zuerst ist es nur ein Spiel. Die Bewohner einer Seniorenresidenz ziehen ihre Rollen aus einem Hut, lachen und stürzen sich in „Aleko“. Am Ende des Abends gibt es kein Spiel mehr. Dmitri Tcherniakov verbindet am Opernhaus Zürich Rachmaninows drei Opern „Aleko“, „Der geizige Ritter“ und „Francesca da Rimini“ zu einem Abend, der sich vom Heiteren ins Verstörende dreht.
In „Aleko“ herrscht noch Ausgelassenheit. Ein Mann, der sich einer Gemeinschaft von Roma angeschlossen hat, tötet aus Eifersucht seine Geliebte Zemfira und deren neuen Liebhaber. Selbst die Gewalttaten haben etwas Komisches, bisweilen Groteskes an sich. Sinken die Spielenden zu Boden, kehrt der Alltag zurück: Betreuer begleiten die Senioren aus dem Gemeinschaftsraum auf ihre Zimmer. Doch schon hier, mitten im Gelächter, ahnt man, wie schmal die Grenze zwischen gespieltem Affekt und tatsächlicher Verletzlichkeit ist.
In „Der geizige Ritter“ geht der alte Mann immer mehr im Baron auf, der seinen Reichtum hortet und den Verlust seiner Macht fürchtet. Das Herzstück ist ein rund 20-minütiger Monolog, in dem er sich in Gier und Besessenheit hineinsteigert und Minute um Minute tiefer in seinen Wahn gerät. Die Rolle ist keine Verkleidung mehr: Sein herrisches Auftreten und sein Kontrollbedürfnis brechen durch, die Persönlichkeit des alten Mannes tritt hervor und verschwindet zugleich hinter der angenommenen Identität.
In „Francesca da Rimini“ hält er sich schließlich für Lanciotto und zwingt die anderen Bewohner, die Geschichte von Francesca und Paolo nachzuspielen. Die Mitspielenden wirken nicht mehr unbeschwert, ihr Lachen ist verstummt; sie folgen ihm, ob aus Angst, Ratlosigkeit oder beidem, bleibt offen. Er aber zelebriert den Verrat, den er zu beobachten und aufzudecken glaubt, und steigert sich ekstatisch in das Liebesdrama hinein, bis er körperlich zusammenbricht. Es ist ein Spiel, das niemand mehr beenden kann, auch er selbst nicht.
Auch der Raum verändert sich. Auf der Drehbühne verliert die vertraute Residenz allmählich ihre Ordnung: Türen öffnen sich, Innenräume verschieben sich, die Orientierung geht verloren. Die Wirklichkeit der Residenz und die Vorstellungswelt des alten Mannes lassen sich nicht mehr trennen. Was als vertrauter Ort begann, wird zu einem Labyrinth, in dem sich auch der Zuschauer verirrt.
Überragend ist Vladislav Sulimsky. Als Aleko, Baron und Lanciotto bewältigt er drei zentrale Partien mit stimmlicher Souveränität; allein der Monolog in „Der geizige Ritter“ verlangt enorme Ausdauer. Zugleich spielt er den alten Mann mit außergewöhnlicher körperlicher Präzision: Sein Hinken und seine Gebrechlichkeit stehen im eindringlichen Kontrast zum herrischen Auftreten, das er in den angenommenen Rollen entfaltet. Elena Stikhina ist ihm eine starke Partnerin: In „Aleko“ gestaltet sie Zemfira mit sichtlicher Freude und Witz, in „Francesca“ zeigt sie die wachsende Besorgnis einer Frau, die sich dem Spiel nicht mehr entziehen kann. Gesang und Darstellung greifen bei beiden überzeugend ineinander.
Gianandrea Noseda macht am Pult Rachmaninows Entwicklung plastisch hörbar. „Aleko“, das Jugendwerk des Komponisten, erinnert in seiner Klangsprache noch an Tschaikowski. „Der geizige Ritter“ führt in eine dunklere, stärker vom Orchester geprägte Welt. „Francesca da Rimini“ entfaltet sich als symphonische Oper von großer atmosphärischer Dichte und emotionaler Unruhe. Schon das ausgedehnte Prélude spannt einen weiten Klangraum auf. Der wortlose Chor, dessen Klagen und Stöhnen sich über die Szene erheben, erzeugt eine unheimliche, beinahe infernalische Klangwelt. Noseda formt die orchestralen Steigerungen mit Gespür für große Bögen und feinste Nuancen; die Stimmen bleiben dabei organisch in das Klangbild eingebettet. So führt der Abend musikalisch vom heiteren Anfang in eine Düsternis, aus der es kein Zurück mehr gibt.
Bühne und Orchester erzählen dieselbe Geschichte: Auf der einen Seite verliert ein Spiel seine Unschuld, auf der anderen verdichten sich die Spannungen zu einem Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Am Ende bleibt ein alter Mann, der seine Geschichten nicht mehr nur spielt, sondern in ihnen gefangen ist.
Eugenia Hoffmann
„Rachmaninow – Die drei Opern“ // „Алеко“ („Aleko“) (1893), „Скупой рыцарь“ („Der geizige Ritter“) (1906) und „Франческа да Римини“ (Francesca da Rimini“) (1906)
